Seit sie 15 Jahre alt ist, pflegt Jacqueline Wagner ihre Brieffreundschaft mit Blaine Milam. Er sitzt in einer texanischen Todeszelle, weil er ein Kleinkind auf qualvolle Art getötet hat.

Auf die Idee, einem Insassen einer Todeszelle Brief zu schreiben, kam die damals 15-Jährige, als sie den Kinofilm "Dead Man Walking" im Fernsehen gesehen hatte. Bewusst entschied sich Jacqueline für Blaine Milam als Brieffreund: Er war mit zwanzig Jahren damals der jüngste Todeskandidat. Und sie hatte das Gefühl, dass niemand sonst ihm schreiben würde. Zu grausam die Tat, zu viele Artikel, die darüber berichten, und zu viele Hasskommentare in den sozialen Medien. Der verurteilte Mörder eines 13 Monate alten Kleinkindes wird wie ein Monster dargestellt, findet Jacqueline.

"Wenn man Blaines Namen im Netz sucht, findet man massenhaft Hass-Seiten auf Facebook und Internet-Foren, in denen er als Monster dargestellt wird."
Jacqueline Wagner, Brieffreundin eines zum Tode verurteilten Mörders
Jacqueline Wagner und Todeszellen-Insasse Blaine Milam schreiben sich seit vier Jahren jeden Monat einen Brief.

Begeistert waren ihre Eltern und Großeltern nicht, als Jacqueline ihnen eröffnete, dass sie die Brieffreundin eines verurteilten Mörders werden möchte. Aber ihre Eltern haben sie immer bei ihrem Vorhaben unterstützt, sagt die Neunzehnjährige. Inzwischen gehöre der zum Tode verurteilte Blaine Milam fast schon zur Familie.

"Inzwischen sehe ich ihn als einen meiner engsten Freunde an. Ich denke, dass ich auch mit ihm befreundet wäre, wenn diese Situation jetzt anders wäre."
Jacqueline Wagner, Brieffreundin eines zum Tode verurteilten Mörders

Inzwischen schreiben sich die Beiden einmal im Monat. Jacqueline vertraut Blaine alles an - über seine Tat haben die Beiden allerdings noch nicht gesprochen. Sie tauschen sich eher über Alltägliches aus: Musik, Bücher und Lieblingsessen. Schon jetzt freut sich Jacqueline auf ihren 21. Geburtstag: Sie möchte nach Texas reisen und Blaine im Gefängnis besuchen. Sie möchte seine Stimme hören, damit sie seine Briefe damit verbinden kann. Sie erhofft sich auch, sofort eine Antwort auf ihre Fragen zu bekommen und nicht mehr einen Monat lang darauf warten zu müssen.

"Er sagt mir ernsthaft, was er von meinen Ideen hält. Diese Ehrlichkeit, die zwischen uns ist, die finde ich wenig in meinem Privatleben."
Jacqueline Wagner, Brieffreundin eines zum Tode verurteilten Mörders

Blaine Milam wurde im Mai 2010 wegen Mordes an Amora Carson zum Tod durch die Giftspritze verurteilt.