Jahrzehntelang war China weit weg von uns – nicht nur geografisch, sondern auch in den Köpfen. Das änderte sich ab dem Ende des 20. Jahrhunderts jedoch schlagartig. Vom nahezu explosiven Auftritt Chinas auf der Weltbühne berichtet der Sinologe Dominic Sachsenmaier.

Erst nicht beachtet, dann unterschätzt, anschließend bewundert, und jetzt eine gefühlte Bedrohung: Das gigantische Wachstum des ostasiatischen Staates betrifft alle bedeutsamen Ebenen der Globalisierung – Bildung, Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen.

Innerhalb nur einer Generation hat sich die Gestalt Chinas gewaltig verändert, sagt Dominic Sachsenmaier, China-Wissenschaftler an der Universität Göttingen. In jeder Woche entsteht in dem Land ein Gebäude mit 40 Stockwerken. In Shanghai gibt es mittlerweile doppelt so viele Wolkenkratzer wie in New York.

"Das China-Wachstum der letzten Jahre ist das schnellste der Weltgeschichte. Es hat die Wachstumsraten Englands während der Industriellen Revolution übertroffen."
Dominic Sachsenmaier, China-Wissenschaftler

Mit diesem Wachstum nimmt auch die Bedeutung Chinas auf der weltpolitischen Bühne zu. Durch das Projekt Seidenstraße verschafft sich China eine feste Verbindung auf dem Festland bis nach Europa. Außerdem befinden sich inzwischen unter den zehn größten Häfen der Welt sechs chinesische und kein einziger europäischer mehr.

China auf der Überholspur

Die Europäische Union hat erst im Juni 2020 bei ihrem Gipfeltreffen einen Innovationspakt mit den Chinesen geschlossen, an denen sie nicht mehr vorbeikommt. 2005 war das Volumen der chinesischen Wirtschaft noch kleiner als das der Bundesrepublik - jetzt hat es schon fast das der USA erreicht und könnte es bald überholen. China first – das scheint keine Utopie mehr zu sein.

Zum Vortrag

Dominik Sachsenmaier ist Sinologe und Historiker an der Universität Göttingen. Zu seinen gegenwärtigen Forschungsschwerpunkte zählen die globalen und transnationalen Verbindungen Chinas in Vergangenheit und Gegenwart. Gesprochen hat der China-Experte am 22. Oktober 2019 auf Einladung des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen (KWI). Sein Thema lautete: "China und das globale Ganze. Historische und gegenwartsbezogene Perspektiven".