Vor zwei Wochen hat China die Null-Covid-Strategie hinter sich gelassen. Innerhalb weniger Tage haben sich nun Millionen Menschen mit Corona angesteckt. Die genauen Auswirkungen sind unklar. Fakt ist: Der Ausnahmezustand hat große Auswirkungen.

Wie viele Menschen in China derzeit mit dem Coronavirus infiziert sind, ist unbekannt. Alle Zahlen sind bisher nur Schätzungen. Ein Grund dafür ist, dass mit dem Ende der Null-Covid-Politik auch die verpflichtenden PCR-Testungen wegfallen. Zuvor waren PCR-Tests an der Tagesordnung. Mit dem Ende dieser Pflichten verschwimmt nun auch das Bild über das Infektionsgeschehen.

Corona in China: Kaum offizielle Zahlen

Korrespondent Benjamin Eyssel kann nur über seine eigenen Erfahrungen sprechen: In seinem Umfeld haben sich in den vergangenen zwei Wochen fast alle mit Corona angesteckt. Die einzigen, die sich nicht infiziert haben, waren die, die sich in der Vergangenheit im Ausland angesteckt hatten.

Ob das Infektionsgeschehen sich auch in steigenden Todesfällen niederschlägt, ist ebenfalls unbekannt. Viele Menschen, die mit Corona sterben, werden nicht als Corona-Tote registriert. Denn die Regeln dafür sind sehr streng – und die Staats-und Parteiführung hat kein Interesse daran, dass die echten Zahlen bekannt werden. Die offizielle Botschaft war in den vergangenen drei Jahren, dass es nur durch eine Null-Covid-Politik möglich sei, Menschen zu schützen. Bis heute sind nur wenige Tausende Corona-Tote in China gemeldet.

"Das Narrativ musste geändert werden: Das Virus ist nicht mehr so aggressiv wie vorher. Das muss jetzt aber auch mit den passenden Zahlen bedient werden."
Benjamin Eyssler, Korrespondent in Peking

Auf Anfrage unseres Korrespondenten bestätigen zwar viele Krematorien, dass sie derzeit überlastet sind, einen direkten Zusammenhang möchte er aber nicht ohne weitere Recherchen herstellen.

Proteste nur bedingt Grund für Lockerung

Ebenso wenig ist klar, ob das Ende der Null-Covid-Politik tatsächlich als Konsequenz der Proteste zu verstehen ist. Eine offizielle Begründung gab es nicht. Fakt ist laut unseres Korrespondenten allerdings, dass bereits vor dem Ende der rigiden Coronapolitik die Infektionszahlen extrem anstiegen. Gleichzeitig wurde der Druck auf die Wirtschaft immer größer. Es ließ sich einfach nicht mehr durchziehen, sagt Benjamin Eyssler. Die Proteste seien zwar flächendeckend gewesen, in der Summe aber dennoch überschaubar. Viele Einwohner Chinas hätten sie aufgrund der staatlichen Zensur überhaupt nicht mitbekommen.

"Peking war in den letzten zwei Wochen leergefegt und das, obwohl die Null-Covid-Politik nicht mehr gilt. Aber die Menschen liegen alle krank zu Hause."
Benjamin Eyssler, Korrespondent in Peking

Zurzeit sind die Straßen Pekings trotz der Lockerungen leer. Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, weil alle Mitarbeitende krank sind. Nur langsam füllen sich die Straßen wieder, berichtet unser Korrespondent. Unternehmen, die er angefragt hat, sagen aus, dass von 300 Mitarbeiter*innen nur 20 Menschen vor Ort sind. Diese Situation könnte auch Auswirkungen auf Deutschland haben.

Mutationen möglich

Die rasante Verbreitung des Virus könnte wieder zu neuen Mutationen führen. Allerdings lässt sich das Risiko zu diesem Zeitpunkt nicht abschätzen. Ein Problem ist aber, dass in China nun weniger getestet wird und die Sequenzierung dieser Tests nicht veröffentlicht werden. Das bedeutet, es ist unbekannt, ob es Mutationen gibt und welche Varianten im Umlauf sind.

  • Kurz und Heute
  • Moderatorin:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartner:  Benjamin Eyssel, China-Korrespondent in Peking