Proteste müssen nicht mehr superernst sein: Nicht nur die Fridays-for-Future-Proteste kommen heute mit lauter Musik daher, die Teilnehmer tanzen und haben sichtbar Spaß. Wir haben darüber mit dem Soziologen und Protestforscher Gregor Betz gesprochen.

Dass Demos, die politisch ernst genommen werden wollen, heute nicht mehr so "ernst", "traurig" oder "wütend" ablaufen wie früher, ist eigentlich nur eine Wahrnehmung von uns, sagt der Protestforscher Gregor Betz. Mehr als eine Schwerpunktverschiebung sei es nicht – denn auch früher wurde schon gefeiert:

Zum Beispiel wurde schon nach der ersten weltweiten 1.-Mai-Demo im Jahr 1890 ein Fest ausgerichtet. Die Happening-Szene in den 68er-Jahren sei bunt und schrill gewesen. Und auch die Anti-AKW-Proteste, etwa die gegen das Atommülllager Gorleben, hätten Spaß als Teil ihres Inhalts gehabt. So habe es 1982 etwa den "Tanz auf dem Vulkan" gegeben, ein großes Festival mit politischem Inhalt.

Event-Charakter rückt in den Vordergrund

Das Konzept sei also nicht neu. Seit den 90ern werde allerdings noch häufiger der Event-Charakter in den Vordergrund gestellt, um die Menschen zu mobilisieren.

"Spaß, Vergnügen, das besondere, außeralltägliche Ereignis wird in der Mobilisierung für Protestaktionen wichtiger."
Gregor Betz, Soziologe und Protestforscher

Auf Plakaten sei mit solchen Elementen früher nie aktiv geworben worden. Seit Ende der 80er Jahre begann sich das dann aber langsam zu verschieben, so Betz. Da wurde dann auch mal ein Konzert oder ein Kabarett konkret angekündigt.

Neu: Der "Protest-Hybrid"

Außerdem sei bei den heutigen Protesten ein neuer Typus hinzugekommen oder werde immer wichtiger: der "Protest-Hybrid", wie Betz ihn nennt. Ein Format, das eine Mischung aus einem Spaß-Event und einer Protestveranstaltung ist. Zwei Dinge, die also eigentlich nichts miteinander zu tun haben, werden zusammengemischt zu etwas Neuem.

Ein Beispiel ist die 2011 an den Start gegangene "Schnippel-Disko" oder "Disco Soup", bei der Gemüse-oder Obstreste, die eigentlich weggeworfen würden, in einem großen Event zu einer Suppe verschnippelt und dann auch gemeinsam verzehrt werden. Dieser Protest-Hybrid sei in Folge der Kritik an der Agrarindustrie entstanden.

Was ist Party und was ist Protest?

Wenn die Party überhandnimmt, besteht die Gefahr, dass die Wirkung des Protestes in den Hintergrund gerät. Die Ziele von Party und Protest sind nämlich unterschiedliche, erklärt der Soziologe.

"Protest hat immer als Ziel, langfristig zu wirken. Spaß und Event hat dagegen ein kurzfristiges Ziel im Hier und Jetzt."
Gregor Betz, Soziologe und Protestforscher

Für manche der Teilnehmenden, die er getroffen und befragt habe, sei die Demo eine "freizeitliche Abendveranstaltung", berichtet Betz. Sie fänden es aber "toll, damit auch noch was Sinnvolles zu machen". Andere sagen, sie seien für die politischen Ziele gekommen und das eigentliche Thema werde durch "viel zu viel Klamauk" verwässert.

Ob die einen oder die anderen – für die, die den Protest organisieren, sei es am wichtigsten, möglichst viele Leute zusammenzubekommen. Denn umso bunter und größer eine Veranstaltung wird, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, mediale und politische Aufmerksamkeit zu bekommen und damit ernst genommen zu werden.