Die Liste von Michelle Bergers Diagnosen ist lang: Anorexie, Bulimie, Borderline, Depressionen, ADHS im Erwachsenenalter - und das ist nur ein Auszug. Für sie ist jeder Tag eine Herausforderung, der sie sich tapfer stellt.

Irgendwann hat Michelle verstanden, was früher passiert ist: "In einer Familie erfüllt jede Person eine Funktion. Ich war der Seelen-Mülleimer, der die Familie zusammenhielt." Jeden Tag gab es Streit. Mama mit Papa, Mama mit Michelle, Papa mit Michelle oder alles durcheinander. "Ich hatte das Gefühl, mir wurde verboten zu atmen. Ich konnte meinen Eltern nicht vertrauen", sagt Michelle heute.

"Ich habe mit zehn Jahren zum ersten Mal gewünscht, zu sterben."
Michelle Berger

Irgendwann konnte Michelle das nicht mehr ertragen. "Mein Körper wollte auch die emotionale Nahrung nicht mehr aufnehmen, die er bekam." So bekommt Michelle mit 15 Jahren Anorexie  - und das ist erst der Anfang. Es folgen: Bulimie, posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen, ADHS im Erwachsenenalter und eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung.  

Im Strudel der Selbstzerstörung

Ein normales Leben ist kaum möglich. Michelle verlässt das Gymnasium ohne Abi, beginnt eine Ausbildung als Krankenschwester. Doch die emotionale Belastung ist zu hoch. Sie holt schließlich das Fachabi nach und beginnt mit einem Studium - doch auch das klappt nicht so richtig. Ihr Leben ist extrem, es fehlt die innere Mitte. Wenn Michelle Sport macht, dann so intensiv, dass ihr Körper bald nicht mehr kann. An einem Punkt wiegt sie nur noch 30 Kilogramm, inklusive der Klamotten. Sie kann die Spirale nicht mehr aufhalten und verliert die Kontrolle.

"Ich finde es beruhigend, dass es irgendwann mal endet. Dass es nicht immer weiter gehen muss. Und dass man irgendwann auch mal Ruhe hat."
Michelle Berger über den Tod

Bis heute hat Michelle immer wieder das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Nach außen wirkt sie häufig ruhig und gefasst, doch innerlich tobt es in ihr. "Ich denke dann: das müssen die Leute doch merken! Und wenn sie es nicht merken, dann fühle ich mich allein gelassen."

In Eine Stunde Talk erzählt Michelle, wie es in ihr aussieht, wie sie den Alltag meistert und warum sie gerne ein Amethyst wäre.

Ihre Erfahrungen und Gedanken hat Michelle (im echten Leben heißt sie anders) aufgeschrieben. "Nebelleben" ist der Titel ihres Buches, das im Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Durch das Buch schafft sie Distanz zur Vergangenheit. "Außerdem kann ich anderen zeigen, dass sie mit ihrem Leid nicht alleine sind."