Mareike und ihr Vater waren in ihrer Kindheit unzertrennlich. Wenn sie ihm heute als erwachsene Frau gegenübersitzt, ist er ihr fremd. Irgendwann zwischen Kindheit und Erwachsenwerden haben sich die beiden verloren.

Mareike wächst in einem kleinen Dorf in Niedersachsen auf. Als Erwachsene besucht sie regelmäßig ihre Eltern. Sie hat ein gutes Verhältnis zu ihnen - das war es schon immer. Nach ein paar Tagen bei ihren Eltern zieht es sie zurück in die Großstadt. Doch sobald sie im Zug sitzt - weg von der Familie und zurück in "ihrem Leben" - überkommt sie jedes Mal eine Traurigkeit, eine Melancholie. So richtig zuordnen kann sie das Gefühl aber lange nicht. Sie spricht von Familienweh.

"Familienweh – all die Traurigkeit, die ich gespürt habe, wenn ich von meinen Eltern zurück nach Berlin gefahren bin. Da hat mich eine komische Melancholie überfallen. Ich konnte es nie deuten."
Mareike Nieberding, Autorin und Journalistin

Ein Gefühl der Entfremdung oder Einsamkeit hat sich breit gemacht. Obwohl sie zuvor viel Zeit mit ihrer Familie verbracht hatte. Den Menschen, die sie doch eigentlich am besten kennen. Doch sie kann das Gefühl nicht deuten. Es ist ihr Freund, der sie auf den Ursprung ihrer Traurigkeit aufmerksam macht. Dann wird Mareike klar: Der Grund ist die Beziehung zu ihrem Vater.

Entfremdung vom Vater

Als Kind ist Mareike ein Papa-Kind, sie ist "fixiert auf ihn." Die beiden teilen die gleichen Hobbies: Pferde, Reiten, Segeln. Dann wird sie älter. Sie entwickelt sich vom Mädchen zur Frau. Die Bezugsperson in dieser Zeit wird ihre Mutter. Von ihrem Vater distanziert sie sich immer mehr. Es gibt keinen Streit, keinen Knall. Vielmehr ist es ein schleichender Prozess, kaum wahrnehmbar, der die Beziehung zwischen Vater und Tochter nachhaltig verändert.

Zu groß, zu kompliziert, zu schmerzhaft

Nachdem ihr Freund sie "dorthin geschubst" hatte, in dieses Kapitel ihres Lebens, das "zu groß, zu kompliziert, zu schmerzhaft" ist, dauert es, bis Mareike klar wird was sie will: Ihr Vater und sie haben sich voneinander entfernt, sie haben sich entfremdet. Auf dem Weg ist ihnen etwas verloren gegangen und genau das will sie wieder finden. Sie konfrontiert ihn damit. Er ist geschockt.

"Er war total vor den Kopf gestoßen. Es hat ihn sehr verletzt im ersten Moment, weil er sich bis dahin nicht getraut hat, das als Problem zu sehen."
Mareike Nieberding, Autorin und Journalistin

Die beiden begeben sich auf eine Reise, die sie wieder enger zusammen bringen soll. Sie fahren nach Freiburg, den Studienort von Mareikes Vater. Sie reden viel – über seine Vergangenheit, Interessen und Sorgen. Sie schweigen gemeinsam, lachen zusammen. Nach 30 Jahren lernt sie ihren Vater neu kennen – und schreibt ein Buch darüber.

Ach Papa!

Das Buch hat das Verhältnis zwischen den beiden verändert. Es hat ermöglicht, dass sie wieder ins Gespräch miteinander kommen. Eine "neue Zugewandheit" ist entstanden, erzählt Mareike. Sie habe das Gefühl ihn als Menschen viel besser greifen zu können. Denn plötzlich begegnen sie sich auf Augenhöhe.

"Ich verstehe jetzt, was seine Sorgen und Nöte sind. Darüber haben wir davor nie gesprochen. Es ging immer nur, wie das klassisch so gedacht ist, Eltern Richtung Kind. Aber nicht Kind Richtung Eltern."
Mareike Nieberding, Autorin und Journalistin

Heute hat sie einen "gesunden Erwachsenenblick auf ihre Eltern", sagt Mareike von sich selbst. Sie hat eine neue Rolle eingenommen und ist zu einem neuen Ansprechpartner für ihre Eltern geworden. Denn die brauchen auch mal jemanden, der ihnen zuhört oder ihnen einen Ratschlag gibt.