"Opfer werden abgespeist, Zeugen eingeschüchtert", die deutsche Justiz zählt laut einer Studie in manchen Teilen Berlins nichts. Familien-Clans regelten das selbst. Unter sich.

Diese Gewalt und Paralleljustiz gehe von Großfamilien aus, die nach patriarchalischen Strukturen aufgebaut seien, sagt Professor Mathias Rohe. Er ist Islamwissenschaftler der Uni Erlangen-Nürnberg und hat an der Studie im Auftrag des Landes Berlin mitgewirkt. Die Clans in Moabit, Neukölln, Kreuzberg oder Charlottenburg haben teils mehrere Tausend Mitglieder. Innerhalb dieser Clans sei die Loyalitätsbindung nach innen sehr groß.

"Das heißt, die Familie zählt alles und der Rest fast nichts."
Professor Mathias Rohe über Familien-Clans in Teilen Berlins

Diese Strukturen bezeichnet der Islamwissenschaftler als Nährboden für Paralleljustiz. Konkret sehe das dann so aus: Wenn ein junger Mann einen anderen jungen Mann verprügelt, werde nicht die Polizei gerufen, sondern der Fall unter den Teppich gekehrt. Das Opfer erhalte einen geringen Geldbetrag; gleichzeitig werde ihm klar gemacht, dass ihm oder seiner Familie etwas zustoßen könnte, falls er über den Angriff redet. Auch Zeugen werden mit Gewalt eingeschüchtert, Anzeigen zurückgezogen.

Stolz auf die eigene Macht

Professor Mathias Rohe hat für die Studie 90 Interviews mit Menschen aus der Szene geführt. Darunter waren Leute, die zu den Clans gehörten oder mit ihnen in Kontakt sind. Er habe den Eindruck gewonnen, so sagt er, dass der Leidensdruck sehr groß sei. Da er seinen Interviewpartnern Anonymität versprach, sei er auf viel Offenherzigkeit gestoßen. Gesprochen hat er aber auch mit Aktivisten aus den Clans, die schlicht stolz darauf sind, welche Macht sie haben.

"Die Autoritäten der Clans wollen ihre eignen kulturellen Vorstellungen durchsetzen."
Professor Mathias Rohe über Familien-Clans in Teilen Berlins

Laut Rohe kann man durchaus von einer Paralleljustiz sprechen, die nichts mehr mit deutschem Recht zu tun hat. Was mit den Studienergebnissen jetzt passiert, muss der Berliner Senat beraten. Rohe hofft, dass mehr in Prävention investiert wird und dass den Menschen gezeigt wird, wie sie Hilfe bei staatlichen Institutionen finden und wie sie geschützt werden können.