Die Behauptung ist bekannt: Wenn eine Stadt Flüchtlinge aufnimmt, nehmen dort die Straftaten zu. In Braunschweig wurde deshalb sogar eine Sonderkommission bei der Polizei eingerichtet. Es ist Zeit, mit den Gerüchten aufzuräumen.

Die Debatte um Flüchtlinge in Deutschland wird nicht nur heftig - sie wird zum Teil auch unsachlich geführt. Ein Beispiel: Die Meldung, dass Flüchtlinge angeblich Wasserflaschen vor einem Supermarkt ausgekippt hätten, um sich dann drinnen den Flaschenpfand abzuholen. Im August hat die Braunschweiger Polizei eine Sonderkommission gegründet. Die einen haben den Beamten Panikmache vorgeworfen. Andere haben die Meldung benutzt, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen.

Ergebnis: Ein Prozent

Es ist tatsächlich so, dass die Zahl der Straftaten in Braunschweig gestiegen ist. Und es ist auch so, dass das damit in Verbindung steht, dass die Stadt mehr Asylsuchende aufgenommen hat. Es ist aber nicht so, dass das daran liegt, dass ein Großteil der Asylsuchenden in Braunschweig kriminell ist. Im Gegenteil.

"Die Kripo Braunschweig sagt: Gerade mal ein Prozent der Leute, die nach Deutschland kommen, begeht Straftaten."
Sebastian Sonntag, DRadio Wissen

Die begehen dann allerdings häufig mehrere Straftaten, so Ulrich Kück, Chef der Kripo Braunschweig, gegenüber dem Spiegel. Es geht vor allem um Diebstähle und Raubüberfälle. Die Sonderkommission sei vor allem auch eingerichtet worden, um Asyl suchende Familien vor solchen Leuten zu schützen. Auch die "Meldung", es gebe vermehrt sexuelle Übergriffe von ausländischen Männern, sei Quatsch, sagt Kück. Wahr sei, dass die Polizei immer mal wieder gerufen werde, weil es zu Prügeleien in Flüchtlingsunterkünften kommt.

"Wenn man 2000 Menschen in Einrichtungen unterbringt, die für 500 gedacht sind, ist das kein Wunder."
Ulrich Kück, Chef der Kripo Braunschweig

Was gerade in Städten in Dresden auch zu einer höheren Kriminalitätsrate führe, seien zum Beispiel die Pegida-Demonstrationen oder Übergriffe von Rechten auf Flüchtlinge, so Kück.

Meinungsmache im Internet

Im Netz findet man viele Meldungen, die teilweise schlicht falsch sind.

  • Viele Bürger in Brandenburg, Sachen und Sachsen-Anhalt würden sich bewaffnen aus Angst vor Asylsuchenden. In der Tat sind in bestimmten Gebieten die Verkaufszahlen von Pfefferspray hochgegangen. Warum? Weil es dort immer mehr Wolfsrudel gibt, die in bewohnte Gebiete vordringen.
  • Ein Video zeigt angeblich randalierende Flüchtlinge, die in Erfurt ein Polizeiauto zerstören. Was man auf dem Video sieht, sind aber in Wahrheit Autonome. Außerdem wurde das Video 2011 aufgenommen. Und in Erfurt war das Ganze auch nicht, sondern in Dortmund.

Aber auch außerhalb des WWW geschehen erschreckende Dinge: AfD-Mitglied Uwe Wappler erzählt vor laufenden Kameras, dass ein zwölfjähriges Mädchen vergewaltigt worden sei. Wenn man hier "aus political correctness" nicht eingreife, sei das "Anarchie". Auf Nachfrage des ARD-Reporters gerät er ins Stocken. Die Geschichte ist offenbar frei erfunden, Wappler kann keine Angaben darüber machen, woher die Informationen stammen.

"Ich habe… nicht jetzt das exakt präsent. Jetzt haben sie mich auf dem falschen Fuß erwischt."
Uwe Wappler, AfD-Mitglied

Allerdings ist es nicht immer ganz einfach, solche Meldungen sofort als falsch zu enttarnen, sagt Sebastian Sonntag. Gerade wenn sie von vermeintlichen Freunden auf Facebook gepostet werden. Bei einigen Meldungen helfe es, zwei Mal hingucken. Häufig kämen sie von irgendwelchen Pseudo-Nachrichtenagenturen, hinter denen rechte Blogs stecken.

Einsatz gegen die Gerüchte

Es gibt auch Seiten, die solche Falschmeldungen enttarnen. Die Seite von Mimikama zum Beispiel. Der Verein hat hunderttausende Supporter im Netz, die ihn auf mögliche Falschmeldungen aufmerksam machen.

"Wir machen klassische Quellenanalyse: Wer hat das wann, warum und zu welchem Zweck geschrieben?"

Die Recherche-Ergebnisse könnt ihr auf der Webseite von Mimikama lesen oder auf Facebook abonnieren. Das Gerücht, Flüchtlinge hätten Mineralwasserflaschen, die vor dem Kaufland Höxter standen, ausgekippt, um Flaschenpfand zu bekommen - außerdem im Laden Bananen gegessen und dabei die Obstabteilung verwüstet - "entbehrt jeglicher Grundlage", sagt Christine Axtmann von der Kaufland Dienstleistung GmbH & Co. KG in Neckarsulm.