Leidenschaftliche Fan-Gesänge, Parolen - das macht die Stimmung im Fußballstadion aus. In Frankreich mischen sich klar diskriminierende Äußerungen der Fans darunter. Die rassistischen und homophoben Sprüche haben ein solches Ausmaß angenommen, dass schon mehrere Spiele deswegen unterbrochen werden mussten.

Beim Erstliga-Spiel OGC Nice gegen Olympique Marseille am 28. August 2019 in Nizza haben die Nizza-Fans angefangen, homophobe Gesänge auf die Melodie der Marseillaise zu singen, berichtet ARD-Korrespondent Marcel Wagner. Gleichzeitig haben sie Banderolen ausgebreitet und auch homophobe Gesänge auf die Fußball-Liga angestimmt.

Gezielte homophobe Provokation der Fußballfans

Zweimal hat der Stadionsprecher zur Ordnung gerufen und gewarnt, dass das Spiel unterbrochen werden würde. Weil die Fans nicht aufhörten, hat der Schiedsrichter für 12 Minuten das Spiel unterbrochen. "Die Fans haben es darauf angelegt", sagt Marcel Wagner. Sie hätten die Unterbrechung nicht gut gefunden, aber würden auch nicht einsehen, was sie falsch machen.

"Die Fans sehen das nicht so richtig ein, was sie da falsch machen. Deshalb ist das ein Katz-und-Maus-Spiel: Die Fans provozieren, obwohl sie genau wissen was passiert, und beschweren sich hinterher."
Marcel Wagner, ARD-Korrespondent in Frankreich

Ein Spiel wegen Homophobie zu unterbrechen, ist mittlerweile eine klare Ansage der französischen Fußball-Liga, die sie vor der Saison angekündigt hat. Auch der Weltfußballverband Fifa hat gefordert, dass die Landesverbände gegen Diskriminierung eine Null-Toleranz-Linie ziehen sollen. Frankreich setzt diese Forderung nun konsequent um und lässt Spiele bei diskriminierenden Äußerungen der Fans unterbrechen.

"Frankreich hat gesagt, wir fahren eine knallharte Linie und ab sofort lautet die Ansage: Egal ob das rassistische oder homophobe Äußerungen durch Fans in den Stadien sind, werden die Spiele unterbrochen."
Marcel Wagner, ARD-Korrespondent in Frankreich

Seit Anfang der Saison kommen diese Unterbrechungen häufiger vor. Marcel Wagner sagt, dass sich die Zahl im zweistelligen Bereich bewegt. Jetzt nehme die Diskussion wieder Fahrt auf, weil die Liga etwas zurückrudere.

Absurde Abstufung von Diskriminierung

Der Präsident des französischen Fußballverbands, Noël Le Graët, macht einen Unterschied bei diskriminierenden Äußerungen: Bei rassistischen Äußerungen müsse ein Spiel unterbrochen werden, aber wegen homophober Äußerungen könne nicht jedes Spiel unterbrochen werden. Deshalb empfehle er den Schiedsrichtern, die Spiele nicht mehr zu unterbrechen.

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Die Sportministerin Roxana Maracineanu kritisiert Le Graët scharf: Vom Gesetz her gebe es keinen Unterschied bei Diskriminierung. Auch Fußballstars wie Antoine Griezmann stellen sich hinter die Regelung, Spiele wegen diskriminierender Äußerungen zu unterbrechen. Er geht sogar ein Stück weiter: Sollte er von anderen Spielern homophob beleidigt werden, würde er sich weigern weiterzuspielen.

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Daniela Wurbs ist Sozialpädagogin und beschäftigt sich mit Antidiskriminierungsarbeit im Fußball. Sie ist der Meinung, dass es bei einer Spielunterbrechung um die Verhältnismäßigkeit gehe. Wenn eine ganze Kurve homophobe Gesänge anstimme und der Rest des Stadions mitsinge, dann hält sie es für gerechtfertigt, ein Spiel zu unterbrechen. Wenn aber nur ein Einzelner eine homophobe Äußerung mache, würde sie eher auf Selbstregulierungskräfte setzen.

"Grundsätzlich ist Repression nicht alles. Das eine ist zu intervenieren und zu sanktionieren, aber viel wichtiger ist die Prävention."
Daniela Wurbs beschäftigt sich mit Antidiskriminierungsarbeit im Fußball

Prävention in deutschen Fußballstadien erfolgreich gegen Diskriminierung

In Deutschland sei in Bezug auf Prävention durch Initiative von Fans schon viel passiert: Fußballfans gegen Homophobie, Queer Football Fanclubs, die schon eine große Debatte im deutschen Fußball angeregt hätten.

Daniela Wurbs beschäftigt sich mit Antidiskriminierungsarbeit im Fußball
"In Deutschland sind diskriminierende Äußerungen in den letzten Jahren weniger geworden. Heutzutage findet man nur noch relativ wenig rassistische Banner oder homophobe Gesänge. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt."

Ein Negativ-Beispiel sei Chemnitz, wo rechtsextreme Fans ein Problem seien. Die Fans allein seien aber nicht dafür verantwortlich, gegen Diskriminierung vorzugehen. Die Vereinsspitzen müssten dabei auch Verantwortung zeigen. Da, wo das Problem eher klein geredet werde, bestehe eine Art Toleranz gegenüber diskriminierenden Aktionen. Dann sei es für Fans, die dagegen aktiv werden, sehr viel schwieriger mit ihren Aktionen etwas zu erreichen.

Beim VFL Wolfsburg würde beispielsweise die Zusammenarbeit zwischen Verein und Fans gut klappen. Sie setzen sich gemeinsam für Vielfalt ein. Auch beim FC St. Pauli wehe eine Regenbogenfahne im Stadion.