Routinen zu durchbrechen, ist enorm schwierig. Oft führen wir alteingeschliffene Verfahren immer weiter, ohne dass das noch irgendeinen Sinn hätte. Das war schon in der Frühen Neuzeit so. Ein Vortrag der Historikerin Birgit Näther.

Die meisten von uns sind Gewohnheitstiere. Wir machen das, was wir schon immer gemacht haben – weil wir es kennen, weil es uns vertraut ist und weil es schlicht einfacher ist. Wie schwierig es ist, aus alten Routinen auszubrechen und sich neue zu überlegen, haben wir alle in den vergangenen Monaten erlebt. Es kostet viel Kraft, neue Prozesse und Arbeitsabläufe zu entwickeln. Die Historikerin Birgit Näther erzählt, dass das schon den bayerischen Landesherren in der Frühen Neuzeit so ging.

"Herrschaft wird an die Amtspersonen vor Ort delegiert. Die haben die Orte, die ihnen unterstehen, mit Karren und Schreiber bereist, sie inspiziert und dann Protokolle angefertigt und nach München geschickt."
Birgit Näther, Historikerin

Zum Regieren braucht es einen Verwaltungsapparat: Die Landesherren gaben lokalen Amtsträgern Instruktionen, die sie dann ausführen mussten. Über die Zeit wurden die Anweisungen und Informationen immer ausführlicher und detaillierter, bis der ganze Prozess an seinen eigenen Routinen zu ersticken drohte.

"Die Akten wurden von Jahr zu Jahr immer ein bisschen umfangreicher, bis sie so umfangreich waren, dass das Verfahren kaum noch durchgeführt werden konnte."
Birgit Näther, Historikerin

Birgit Näther ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin. Ihr Forschungsgebiet ist Verwaltungsgeschichte. Wer glaubt, das sei langweilig, irrt sich. In ihrem Vortrag erzählt sie von geheimnisvollen Wurmzeichnungen auf amtlichen Blättern oder davon, wie einfache Berichte mit der Zeit von 35 Seiten auf über 4000 Seiten dicke Stapel anwuchsen. Lesen konnte die dann niemand mehr.

"Es ist paradox: Einerseits sichern die Routinen das Verfahren, andererseits führen sie dazu, dass das Verfahren an Sinn verliert."
Birgit Näther, Historikerin

Birgit Näthers Vortrag hat den Titel "Die Akte und die Würmer. Ungewöhnliche Quellen in der Forschung zur Geschichte der Frühen Neuzeit". Sie hat ihn am 3. Dezember 2018 an der Freien Universität Berlin gehalten, im Rahmen der Ringvorlesung "Quellen der Geschichte", die vom Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaft in Kooperation mit dem GasthörerCard-Programm der Freien Universität Berlin durchgeführt wurde.