Oft vertrauen wir unserem Bauchgefühl und entscheiden "aus dem Bauch heraus", obwohl unser Kopf, unser Verstand, vielleicht etwas ganz anderes signalisiert. Wissenschaftler der Ohio State University haben das untersucht und herausgefunden: Unser Bauchgefühl kann uns schnell täuschen.

Manchmal wissen wir eigentlich, welche Entscheidung uns am ehesten zum Ziel bringt – machen es dann aber doch anders, schreiben die Wissenschaftler der Ohio State University im Fachmagazin Nature Communications. Sie haben mit Probanden einen Test gemacht: Die Testpersonen mussten auf dem Bildschirm verschiedene Dinge anklicken, um eine Belohnung zu bekommen. Dabei gab es ein bestimmtes Muster, das ihnen am meisten Erfolg brachte.

Probanden werden "geärgert"

Doch nach einiger Zeit wurde dann die Erfolgsstrategie, wie man zur Belohnung kommt, ein wenig verändert. Man könnte auch sagen: Die Forscher haben begonnen, die Testpersonen zu ärgern. Die Wahrscheinlichkeit, mit der das einmal gelernte Muster zum Erfolg führte, wurde verändert: Es war danach zwar immer noch der beste Weg, um zur Belohnung zu kommen, aber nur noch mit einer 60- oder 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit.

Ergebnis: Die Probanden fanden zwar ganz schnell heraus, was das Muster ist. Wenn die Erfolgswahrscheinlichkeit aber sank, benutzten sie das Muster viel seltener - auch wenn es statistisch gesehen immer noch der beste Weg war.

"Wenn sich meine normale Strategie ein wenig verschlechtert, dann habe ich unterbewusst das Gefühl, etwas tun zu müssen. Und dann ändere ich was und schaue, was passiert."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Damit lasse sich zum Beispiel erklären, weshalb Menschen so gerne bei einem Stau die Route zur Arbeit wechseln, sagt Henning Beck. Selbst wenn sie eigentlich besser auf der ursprünglichen Route – also kurz im Stau oder Stop-and-go – geblieben wären. Das sei ein typischer Fehlschluss, bei dem wir uns oft zu schnell auf den Bauch verlassen.

Unser Hirn wählt eine Abkürzung

Aber was bringt uns dazu, uns gegen den Verstand zu entscheiden und auf unser Gefühl zu hören? Menschen können nicht rechnen, sagt Henning Beck. Wenn die Erfolgswahrscheinlichkeit von 78 auf 72 Prozent fällt, dann haben wir dafür nicht wirklich ein präzises Gefühl parat. Deshalb wählt unser Gehirn eine Abkürzung und verlässt sich auf bewährte Handlungsmuster: auf Gewohnheiten und Rituale. Manchmal sei es dann einfach besser, etwas zu verändern und zu schauen, was dadurch passiert. In der Hoffnung, etwas zu verbessern.

In den Verhaltenswissenschaften nennt sich das Action Bias. Das ist die Neigung, auch dann aktiv etwas zu tun, wenn es gar nichts bringt. Beim Elfmeter springen die Torhüter zum Beispiel fast immer in irgendeine Ecke, obwohl die beste Strategie wäre, einfach stehen zu bleiben, weil die meisten Schüsse in die Mitte gehen.

"Wir tun auch dann etwas, wenn es gar nichts bringt. Torleute springen immer in eine Ecke, weil es cool aussieht und sie der Depp wären, wenn sie stehen bleiben. Dabei wäre genau das am besten."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Hat unsere Entscheidung tatsächlich etwas mit unserem Bauch zu tun? Nein. Das Gehirn ist der Boss, dort laufen die Drähte zusammen. Auch das Bauchgefühl findet also sozusagen im Kopf statt.

Auch das Bauchgefühl findet im Kopf statt

Allerdings spüren wir die Ergebnisse häufig im Bauch. Ein unbehagliches Gefühl hatten wir alle schon mal. Stress etwa wird über das vegetative Nervensystem vermittelt, erklärt Henning Beck. Der Herzschlag verändert sich – und der Bauch zieht sich zusammen.