Wer sich beim Sport am Kopf verletzt – vielleicht sogar eine Gehirnerschütterung hat – und dann weiter spielt, riskiert weitere Schläge und weitere Verletzungen. Forschende sagen, so leichtfertig, wie bei WM- und EM-Spielen mit den Sportlern umgegangen wird, geht es nicht.

Vielleicht erinnert ihr euch noch an das Fifa-WM-Finale 2014, Deutschland gegen Argentinien, Endstand 1:0. In der ersten Halbzeit hat sich Christoph Kramer am Kopf verletzt. Am Spielfeldrand ist er kurz untersucht und wieder auf den Platz geschickt worden. Obwohl der Spieler sich eine Gehirnerschütterung zugezogen hat. Eine leichte zwar, aber am Ende war es gut, dass der Schiedsrichter ihn hat auswechseln lassen. Christoph Kramer hat den Schiedsrichter nämlich gefragt, ob das das WM-Finale sei.

Spielerinnen und Spieler werden zu kurz untersucht

Forschende aus Kanada haben festgestellt, dass Profi-Fußballerinnen und –fußballer im Schnitt gerade mal eine Minute untersucht werden, wenn sie sich bei einer Welt- oder Europameisterschaft am Kopf verletzen. Danach würden sie fast immer weiterspielen.

Die Forschenden haben Spiele von Frauen und Männern ausgewertet und schreiben in einem Fachartikel, dass Frauen bei den Spielen im Schnitt 70 und Männer 50 Sekunden lang untersucht werden, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Ann-Kathrin Horn.

"Die Forschenden haben Daten von einer Frauen-WM und drei Männer-WMs und -EMs ausgewertet. 60 Sekunden waren der Schnitt – also wurden manche zwar schon länger, manche aber auch kürzer untersucht."
Ann-Kathrin Horn, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Laut der Forschenden ist eine Minute viel zu wenig. Medizinerinnen und Mediziner würden mindestens zehn Minuten brauchen, um feststellen zu können, ob Sportlerinnen und Sportler nach einer Kopfverletzung eine Gehirnerschütterung haben.

Wer sich am Kopf verletzt, muss sofort vom Platz

Anzeichen sind beispielsweise, dass sich Spieler oder Spielerinnen lange den Kopf halten, langsam aufstehen oder desorientiert wirken. Teilweise können sie sogar bewusstlos werden oder das Gleichgewicht verlieren. Das sind nur die eindeutigen Merkmale einer Gehirnerschütterung. Daneben gibt es noch andere unauffällige. Deshalb empfehlen die Forschenden, Spielerinnen und Spieler sofort vom Platz zu stellen, bis geklärt ist, ob ein gesundheitliches Risiko besteht.

In den untersuchten Spielen sind aber fast alle Spielerinnen und Spieler wieder auf den Platz gekommen – zum Teil auch, obwohl Anzeichen für Gehirnerschütterungen sichtbar waren.

Weitere Kopfverletzungen sind riskant

Jeder Schlag, der hinzukommt, nachdem der Kopf verletzt ist, ist sehr riskant, schreiben die Forschenden in ihrer Studie. Sportler und Sportlerinnen, die viele Kopfverletzungen haben, können später öfter an Demenz oder Alzheimer erkranken, heißt es weiter. Die Forderung lautet, dass bei Kopfverletzungen während eines Fußballspiels anders mit den Verletzten umgegangen werden muss.

"So wie das bisher bei den Fußball-Weltmeisterschaften und -Europameisterschaften gehandhabt wurde, geht es auf keinen Fall."

Von Fußballverbänden gibt es Vorschläge, wie die Situation verbessert werden könnte. Der europäische Fußball-Verband Uefa hat vorgeschlagen, dass Ärzte mehr Zeit für die Untersuchungen bekommen und dass die Auswechselregeln geändert werden. Eine Idee ist, dass Spielerinnen und Spieler kurzfristig ausgewechselt werden, ohne, dass der Mannschaft das als Wechsel angerechnet wird.

Eine andere Idee ist, dass die Spielerinnen und Spieler nicht von den Mannschaftsärzten untersucht werden, sondern von unabhängigen Ärzten und Ärztinnen, damit diese nicht in einen Interessenkonflikt geraten.

Baseline-Screening

Nachdenken könnte man auch über die Methode, die seit letztem Sommer in der Fußball-Bundesliga angewendet wird. Das nennt sich Baseline-Screening. Da werden die Spieler vor der Saison unter anderem auf Balance und Merkfähigkeit getestet. Diese Werte werden notiert und dann nach Verletzungen auf dem Spielfeld abgeglichen. Weichen die Ergebnisse ab, müssen sie vom Platz.