Schlangen vor den Krankenhäusern, Menschen mit Unfällen und Schlaganfällen müssen warten, bis sie behandelt werden. Aufgrund von personellen Engpässen und der Corona-Pandemie droht dem britischen Gesundheitswesen der Kollaps.

Im britischen Gesundheitswesen sind viele Beschäftigte mit Corona infiziert und können nicht arbeiten. Da viele Menschen auf Operationen und Behandlungen warten, sollen jetzt Medizinstudierende aushelfen.

Notwendige Behandlungen im Vereinigten Königreich könnten sonst nicht mehr gewährleistet werden. Fast jede sechste britische Krankenhausorganisation hat den Ernstfall ausgerufen. Nun helfen 10.000 Medizinstudierende, um die personellen Engpässe aufzufangen.

10.000 Mitarbeitende fehlen britischen Kliniken

10.000 Mitarbeitende fehlen aktuell in britischen Kliniken – das sind doppelt so viele wie in der Vorwoche.

Medizinstudierende und Ärzte und Ärztinnen in Ausbildung können zum Beispiel noch nicht operieren. Aber sie können die Pflege beim Blut abnehmen und in der Patient*innen-Betreuung unterstützen.

"Neben den Studis sollen auch Ärzt*innen im Ruhestand zurück in den Dienst geholt werden", berichtet Gabi Biesinger.

"Neben den Studis sollen auch Ärzt*innen im Ruhestand zurück in den Dienst geholt werden."
Gabi Biesinger, UK-Korrespondentin

Auch Mitarbeitende des Militärs sollen das Gesundheitswesen unterstützen. Bei ihnen gehe es weniger um die medizinische Versorgung der Patient*innen als vielmehr um organisatorisches.

Das Infektionsgeschehen ist weit fortgeschritten. Kurzfristige Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder Lockdowns, die ja gerade wieder in Deutschland diskutiert werden, reichen nicht aus, um die aktuelle Entwicklung zu stoppen, berichtet Gabi Biesinger aus London.

"Corona-Einschränkungen sind politisch hier sehr umstritten. Premierminister Boris Johnson hat sich in seiner eigenen Fraktion schon eine Schlappe geholt. Wenn er mehr Maßnahmen vorschlagen würde, würde das mutmaßlich wieder passieren."
Gabi Biesinger, Korrespondentin in London

Die Hoffnung von Boris Johnson ist, dass die Welle abflacht, bevor der National Health Service (NHS) komplett in die Knie geht.

Um das System zu entlasten, hat Johnson kürzlich Selbstisolationsregeln verkürzt und Testregeln geändert, damit Mitarbeitende wieder früher zu ihrer Arbeit können.

"Heilige Kuh National Health Service

Das Gesundheitssystem im Vereinigten Königreich ist nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie überlastet. Gabi Biesinger beschreibt, dass der NHS wie eine "heilige Kuh" geehrt wird. "Gleichzeitig ist der Dienst chronisch unterfinanziert. Mit dem Thema NHS befasst sich gerade ein parlamentarischer Ausschuss. Der Ausschuss soll NHS – ganz unabhängig von Corona – krisenfest machen."

Schon vor Corona hätten 10.000 Stellen beim britischen Gesundheitsdienst gefehlt. "Das führt jeden Winter zu Problemen", beschreibt Gabi Biesinger die Situation.

Viele süd- und osteuropäische Arbeitskräfte sind nach zwei Jahren Arbeit unter Corona-Bedingungen körperlich und seelisch ausgebrannt. Sie verlassen den Beruf.

Da es an Krankenwagen mangele, seien Bürger*innen aufgefordert, Angehörige mit dem privaten Wagen ins Krankenhaus zu bringen.