Ein kleiner Schwips und es tanzt sich gleich schon etwas besser, denn der Song, den wir eigentlich gar nicht mögen, klingt plötzlich ganz gut. Wieso das so ist und welche Prozesse in unserem Hirn das möglich machen, hat unser Reporter David Freches recherchiert.

Unser Reporter David Freches erinnert sich genau: Vor einiger Zeit war er bei Freunden zum Essen eingeladen. Er trinkt zwei Gläser Weißwein, das Essen ist lecker, die Stimmung gelöst. Sein Kumpel Petr spielt ihm das Lied Lambaláda von der hierzulande unbekannten tschechischen Band 'Bert and Friends' vor und siehe da: David ist sofort schockverliebt in diesen Song.

"Die Pan-Flöten! Der Synthie-Sound! Der Gesang! Wow!"
So reagierte unser Reporter David Freches, als er den Song Lambaláda zum ersten Mal hört

Ohne zu zögern, speichert David den Song auf seiner Playlist eines Streaming-Anbieters. Aber am nächsten Tag wundert er sich, wie es zu dieser kurzzeitigen Geschmacksverwirrung kommen konnte.

Am nächsten Morgen, als unser Reporter David sich den vermeintlich 'genialen' Song noch einmal anhört, findet er ihn plötzlich grässlich. Unglaublich schräger Gesang, kitschiger Panflötensound und nerviger Synthiepop – so muss die musikalische Hölle der 1980er geklungen haben.

Aber Davids Neugier ist geweckt, er möchte wissen, ob nur ihm so etwas passiert oder ob es ein bekanntes Phänomen ist und beginnt zu recherchieren.

"Was ist also in der kurzen Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Hören in meinem Kopf passiert?"
David Freches fragt sich, woran es liegt, dass er an einem Tag von einem Song begeistert ist und ihn am nächsten Tag grässlich findet

Den Neurowissenschaftler Henning Beck überrascht diese Beobachtung nicht, von der ihm unser Reporter berichtet. Er kennt die Prozesse, die sich in unserem Gehirn bei solchen Gegebenheiten abspielen.

Das Ganze hat mit einem Kontrollnetzwerk unseres Gehirns zu tun, dass im vorderen Stirnbereich sitzt und für unsere Aufmerksamkeit und Konzentration sorgt: die sogenannte vordere Gürtelrinde. Eine Region, die sich im vorderen Bereich in der Mitte des Gehirns befindet.

Ihr kommt eine Art Gatekeeper-Funktion zu: Sie sorgt dafür, dass nicht jeder Gedanke aus unserem Unterbewusstsein in unser Hirn vordringen kann. Denn sonst wären wir mit all unseren Gedanken komplett überfordert.

'Türsteher' für unser Bewusstsein

Dieses Kontrollnetzwerk ist in der Regel nicht besonders durchlässig, sagt Henning Beck. Die allermeisten Gedanken schaffen es also nicht, diesen Bereich im Gehirn zu passieren. Somit blockt die Gürtelrinde, also die Türsteherin in unserem Hirn, den Großteil unserer Gedanken ab – und diese dringen damit gar nicht erst in unser Bewusstsein vor.

Durchlässiger durch Alkohol und Sport

Wenn wir allerdings einen leichten Schwips haben, wird diese Region im Gehirn durchlässiger. Sie kann ihre Funktion nicht mehr genauso gut ausüben, wie wenn wir nüchtern sind. Das Gleiche gilt, wenn wir Ausdauersport treiben. Vor allem beim Joggen, Radfahren, Schwimmen zeigt sich dieses Phänomen, also bei allem, was uns eine gleichmäßige, körperliche Anstrengung abverlangt, zeigt sich ein ähnlicher Effekt auf die Filterfunktion in unserem Hirn.

Aus diesem Grund, sagt Henning Beck, kommen wir beim Ausdauersport häufiger auf ungewöhnliche Ideen und sind einfach offener für neue Eindrücke – und das gilt auch für Musik.