Die Sprinterin Hima Das gilt als Ausnahmetalent in Indien. Und eine Ausnahme ist sie tatsächlich in ihrem Heimatland: denn nur wenige indische Sportler haben international Erfolg.

In Indien leben mehr als 1,3 Milliarden Menschen. Um die sportlichen Erfolge des Landes - abgesehen von Nationalsportarten wie Cricket oder Hockey - ist es aber eher schlecht bestellt. Bei den olympischen Spielen in Rio waren es gerade mal zwei Medaillen: Eine Bronzemedaille gab es für Ringerin Sakshi Malik, als erste indische Frau erreichte die Badminton-Spielerin P.V. Sindhu eine Silbermedaille.

Das Geld versumpft

Die seltsame Erklärungsversuche einiger indischer Politiker: Inder seien für den Sport einfach nicht gemacht, zu viel Fettanteil und auch die Ernährung passe nicht. Unsere Korrespondentin Silke Diettrich hat andere Erklärungsansätze für die sportliche Situation Indiens gefunden.

"Die meisten im Land sind sich eigentlich einig, dass die Kinder hier nicht genug gefördert werden. Dass die Regierung sie nicht genug unterstützt, um im Sport Karriere zu machen."
Silke Diettrich, Korrespondentin für Indien

Bei ihrer Recherche hat Silke Diettrich auch mit einem Grundschullehrer gesprochen. Sportunterricht hätten die Grundschüler vieler Schulen noch nie erlebt, sagt er.

Kinder vor einer Schule in indien
© Deutschlandfunk Nova | Silke Diettrich
Sprinterin Hima Das wurde beim Fußballspielen in einem Jungsteam entdeckt. An vielen Schulen aber spielt Sportunterricht keine Rolle.

Es fehlt an staatlicher Förderung, es fehlt an Sportplätzen und Sportstätten. Wer Sport treiben will, muss einige Umwege in Kauf nehmen und sich auch mit extrem schwierigen Trainingsmöglichkeiten abgeben.

"Das führt zu so völlig absurden Situationen, dass Schwimmer auf dem Trockenen üben oder Schützen ohne Munition trainieren, weil nicht genug Geld dafür da ist."
Silke Diettrich, Korrespondentin für Indien

Es ist jedoch nicht so, dass es keine Sportförderung geben würde, sagt Silke Diettrich. Die Sportprogramme sind unkoordiniert, das Geld wird nicht an den richtigen Stellen ausgegeben oder versumpft ganz. Sporttalente zu entdecken, beruhe ausschließlich auf Glück und Zufall, sagt der Sportjournalist Novy Kapadia.

"Den Glamour wollen sie alle gerne haben."
Silke Diettrich, Korrespondentin für Indien

Novy Kapadia macht sauer, wie die Politik mit den Sportlern in seinem Land umgehe. Schaffen es Sportler einmal, wie etwa die Bogenschützin Deepika Kumari, schmücken sich die Politiker mit den Athleten, um sie dann wieder fallen zu lassen. Die Spiele in Rio war ein Paradebeispiel für das Fehlverhalten indischer Politiker auf der Sportbühne, sagt Silke Diettrich. Für Sportjournalist Novy Kapadia ist dies ein Teil des Problems: "Sport und Politik ist bei uns im Land eine total oberflächliche fancy Kultur," so der indische Journalist. 

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Die Sprinterin Hima Das aber ist eine der wenigen Sportstars: Die 18-Jährige wird in Indien gerade heftig gefeiert. Ihr größter Erfolg war in diesem Jahr Gold bei der U20-Weltmeisterschaft in Finnland. 

Ihre Erfolgsgeschichte gibt Auskunft über die Sportstrukturen in Indien. Himas hat zuerst mit Jungs zusammen Fußball gespielt und sich gegen Vorurteile durchgesetzt. Wegen ihrer Schnelligkeit auf dem Fußballplatz wurde sie schließlich entdeckt. "Sie hat quasi die Regeln unseres Landes gebrochen", sagt Himas ehemaliger Klassenlehrer Nirupam Hazarika.

Kein Traum von der Sportlerkarriere

Für Hima ist ihr Erfolg ein Weg aus der Armut. In Indien jedoch kein typischer Weg. "Das kennen viele nicht. Es ist kein Konzept, mit Sport Geld zu verdienen und daher Kinder zu fördern," so Silke Diettrich. 

Hima ist jetzt zwar ein Vorbild, sagt ihr ehemaliger Lehrer, die Bedeutung des Sports bleibe aber in vielen Teilen der indischen Gesellschaft gering. 

"Die Leute vom Land wissen nicht, wofür Sport in ihrem Leben gut sein soll. Keiner glaubt, dass das eine Karriere sein kann."
Nirupam Hazarika, ehemaliger Lehrer der Sprinterin Hima Das

Beliebte indische Sportarten sind jene, die bei internationalen Wettkämpfen keine Rolle spielen wie der Volkssport Kabbadi, eine Mischung zwischen Fangen und Wrestling. Und an Cricket geht natürlich kein Weg vorbei. Das ist die Sportart, die in jedem Park gespielt wird und an jedem Fernseher läuft. "Cricket ist das absolute Mega-Spiel hier, hier kennt jeder die Stars". 

Diese Monopolstellung soll nun aber Konkurrenz bekommen. Die Politik will etwas ändern, sagt Silke Diettrich. Ein Zeichen dafür: "Zum ersten Mal ist ein ehemaliger Olympionik Sportminister." Jemand, der sich auskennt und weiß, was die Leute brauchen. Denn Talente, so sind sich viele Sportkenner in Indien sicher, gäbe es genügend zu entdecken.

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