Die Spaltung der Gesellschaft ist auch in Ingo Zamperonis amerikanischer Familie zu spüren: Sein Schwiegervater hat Donald Trump, seine Schwiegermutter Joe Biden gewählt. Trotzdem waren alle erleichtert, dass die Amtseinführung friedlich verlief.

Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni kennt die USA sehr gut: Er hat dort studiert, war jahrelang Korrespondent in Washington und ist mit einer Amerikanerin verheiratet. Sein Schwiegervater hat Donald Trump gewählt, seine Schwiegermutter Biden. Wie geht es seiner Familie nach der Amtseinführung von Joe Biden als neuen US-Präsidenten?

Nach der Wahl habe sein Schwiegervater erst einmal mit der Entscheidung abgeschlossen, sagt Ingo Zamperoni. Jetzt wolle er abwarten, was sich mit der neuen Regierung unter Joe Biden verändere.

"Mein Schwiegervater ist ok mit der Tatsache, dass Joe Biden jetzt Präsident ist."
Ingo Zamperonis Schwiegervater hat Donald Trump gewählt

Allerdings habe der Schwiegervater Sorge, dass ein Linksruck erfolgen könnte und sich das Land auf eine Art verändere, die ihm nicht gefalle, erzählt der Tagesthemen-Moderator. Denn die Demokraten haben im Repräsentantenhaus und im Senat die Mehrheit und können ihre Politik durchsetzen.

Hypothek der Wahllüge

Dass alle vier Jahre ein neuer Präsident gewählt wird, ist für Ingo Zamperonis Schwiegervater nichts, was er in Frage stellen würde. Donald Trump hat das aber getan, indem er die Wahl nicht anerkennt. "Das hat auch bei meinem Schwiegervater gefruchtet. Er denkt nach wie vor, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Das ist die Hypothek, die geblieben ist."

"Mein Schwiegervater denkt nach wie vor, dass nicht alles mit rechten Dingen bei der Wahl zugegangen ist. Das ist die Hypothek, die geblieben ist."
Ingo Zamperonis Schwiegervater hat Donald Trump gewählt

Das Problem für seinen Schwiegervater, wie für viele republikanische Wähler oder Menschen, die Trump ihre Stimme gegeben haben, ist, dass sich die Politik jetzt grundsätzlich neu ausrichten wird, sagt der ehemalige Washington-Korrespondent. Seine amerikanische Familie erkenne aber an, dass Joe Biden jetzt das Land einen wolle, und dafür würde sein Schwiegervater dem neuen US-Präsidenten auch die Daumen drücken.

"Man kann eine Botschaft der Versöhnung aussenden, aber auf der anderen Seite muss sie auch angenommen werden."
Ingo Zamperoni über die Antrittsrede des neuen US-Präsidenten

Unklar ist, ob die Trump-Wähler diese ausgestreckte Hand Joe Bidens annehmen, sagt Ingo Zamperoni. Allein dass der US-Präsident die Versöhnung anbiete, reiche noch nicht aus, um die Polarisierung im Land aufzuheben.

"Der Sturm auf das Kapitol war für meinen Schwiegervater eine Linie, die überschritten wurde. Das geht in seinen Augen gar nicht."
Ingo Zamperonis Schwiegervater hat Donald Trump gewählt

Ingo Zamperonis Schwiegervater hat meist hinter Donald Trump gestanden, egal was der ehemalige US-Präsident in den vergangenen vier Jahren seiner Amtszeit getan hat. Aber in Bezug auf den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar distanziere auch er sich von Trumps Kurs.

Gesellschaftliche Spaltung geht durch Familie

Ganz anders seine Schwiegermutter: Sie hat Joe Biden gewählt. Sie begrüße es sehr, dass der neue US-Präsident einen ganz anderen Ton als der alte anschlage. Gerade die Ansprache, die Würde und seine Glaubwürdigkeit empfinde sie als wohltuend. Allerdings meint Ingo Zamperoni, dass Joe Biden jetzt diese Worte auch ausfüllen müsse, damit er Trump-Wähler überzeugen könne.

"Sie war unheimlich erleichtert, als diese Amtseinführung friedlich über die Bühne gegangen ist."
Ingo Zamperonis Schwiegermutter dagegen hat Joe Biden gewählt

Es sei ein wichtiger Schritt in der amerikanischen Demokratie, dass eine Frau, Schwarze und Vertreterin einer Minderheit, in das zweithöchste Amt berufen wurde, so die Schwiegermutter. Andere Länder wären da schon viel weiter als die USA, meint sie.

"Als Kamala Harris zum Schwur nach vorne trat, schossen meiner Schwiegermutter die Tränen in die Augen. Da war eine Menge Erleichterung bei uns in der Familie am Start."
Ingo Zamperonis Schwiegermutter dagegen hat Joe Biden gewählt

Als USA-Kenner rechnet Ingo Zamperoni damit, dass sich der andere Politikstil von Joe Biden sehr schnell bemerkbar machen wird. Schon als Senator hätte Joe Biden gezeigt, dass er auch mit den republikanischen Abgeordneten gut zusammenarbeiten kann.

"Das Problem ist, dass in beiden Parteien Kräfte an den Rändern in die Extreme drücken."
Ingo Zamperoni, Tagesthemen-Moderator

An den Rändern der republikanischen Partei ist die Tea-Party-Bewegung und diejenigen, die den Sturm aufs Kapitol unterstützen. Bei den Demokraten gibt es eine progressive Bewegung, die jetzt Joe Biden Druck machen könnte, schnell neue Gesetze auf den Weg zu bringen. Zwischen diesen Extremen müsse Joe Biden einen Ausgleich finden.

Chance der Einigung zur Bekämpfung der Pandemie

Ingo Zamperoni glaubt, dass die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie eine Chance sein könnte, beide Lager zusammenzubringen, um gemeinsam für die Menschen im Land mehr Schutz und Sicherheit zu gewährleisten. Das könnte ein gemeinsamer Nenner sein, auch wenn sich die Parteien in anderen Punkten streiten.

Der ehemalige Washington-Korrespondent differenziert zwischen der Spaltung im Parlament, die zwangsläufig sei bei einem Zweiparteiensystem, und der in der Gesellschaft. Aber diese Spaltung in der Gesellschaft sei Grundlage für die politische, weil sich diese im Wahlverhalten widerspiegele.

Klimakrise zweites Hauptthema

Neben der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie, die noch Monate das vorherrschende Thema sein werde, sieht Ingo Zamperoni die Klimakrise als die zweite große globale Herausforderung für die Biden-Administration. Dass Joe Biden dem Rechnung trage, zeigt sich in der Ernennung des ehemaligen US-Außenministers John Kerry zum Sonderbeauftragten für Klimaschutz.

Und Donald Trump? "Der muss sich erst einmal um seine eigene Firma kümmern, die in eine erhebliche Schieflage geraten ist", sagt Ingo Zamperoni. Viele Geschäftspartner und Banken sind seit dem 6. Januar abgesprungen. Mit dem Verlust seiner Immunität müsse Donald Trump jetzt auch mit juristischen Verfahren rechnen. Die Staatsanwaltschaft in New York zum Beispiel ermittele schon seit Jahren gegen ihn.

Gelänge es Donald Trump eine "Patriots Party" zu gründen und seine Anhänger mitzunehmen, dann würde das das Ende der republikanischen Partei bedeuten, glaubt Ingo Zamperoni.