Lange galt: Wer ein Instrument spielt, ist intelligent(er). Doch eine große Studie räumt damit auf. Musik wirkt sich nicht automatisch auf unsere Intelligenz aus. Wie diese sich entwickelt, ist von einer ganz anderen Komponente abhängig.

Es ist ein klassisches Argument vieler bildungsbürgerlicher Eltern: Zu einer guten Bildung gehört es, ein Instrument spielen zu können. Und so quälten sich viele von uns mitunter jahrelang durch den Klavier-, Geigen- oder Flötenunterricht.

Tatsächlich gab es für den Wunsch unserer Eltern auch wissenschaftliche Belege: Studien stützten die Annahme, dass es einen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Musizieren gibt. Bisher jedenfalls. Denn ein Forschungsteam unter der Leitung der Uni Innsbruck stellt die bisherigen Erkenntnisse infrage.

Geld spielt eher eine Rolle als Intelligenz

Für die Studie haben sich die Forschenden Musikerinnen angeschaut – Profis ebenso wie Amateure, erklärt Raphael Krämer aus den Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten. Ziel war es herauszufinden, ob Menschen, die Musik machen, intelligenter sind als diejenigen, die kein Instrument spielen. Dafür verglich das Team Daten von rund 1.200 Personen aus 15 Ländern: Die Hälfte davon waren Nichtmusikerinnen, die andere Hälfte setzte sich zu gleichen Teilen aus Amateur- und Profimusiker*innen zusammen.

Alle Teilnehmenden absolvierten verschiedene Tests, erklärt Raphael Krämer weiter. Dabei ging es unter anderem um das Kurzzeitgedächtnis: Wie gut lassen sich Zahlen, Wörter oder auch Musik merken? Um die Ergebnisse möglichst vergleichbar zu machen, wurden Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung und weitere demografische Merkmale berücksichtigt.

"Zwar schnitten Musikerinnen bei einzelnen Tests minimal besser ab als Nichtmusikerinnen. Die Unterschiede waren insgesamt aber zu gering, um sie eindeutig auf das Musizieren zurückzuführen."
Raphael Krämer, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten

Stattdessen fiel den Forschenden etwas anderes auf. Die rund 600 Musiker*innen hatten fast alle einen günstigen sozioökonomischen Hintergrund. Raphael Krämer übersetzt, was das heißt: "Sie stammen häufig aus Familien mit Geld und hatten Eltern, die ihre Kinder früh und intensiv gefördert haben."

"Die Zahl der Ausbildungsjahre war zwar bei den Proband*innen vergleichbar Den Unterschied machte jedoch, ob ausreichend Geld und Unterstützung vorhanden waren."
Raphael Krämer, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten

Hinzu kommt, so das Forschungsteam, dass nicht jeder Mensch bereit oder in der Lage ist, über Jahre hinweg konsequent ein Instrument zu üben. "Auch die Persönlichkeit spielen also eine Rolle", sagt Raphael Krämer. Laut den Forschenden ist das eine Art soziale Vorauswahl.

Was dennoch für Musikunterricht spricht

Bleibt also die Frage: War das jahrelange Flöten-, Geigen und Klavierüben ganz umsonst? Raphael Krämer gibt Entwarnung. Die Forschenden betonen, dass sich das Gehirn durch intensives Training durchaus verändert. Das sei eine zentrale Grundlage von Lernprozessen.

"Die Lerneffekte beschränken sich größtenteils auf Musik und wirken sich nicht auf die allgemeine Intelligenz aus."
Raphael Krämer, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten

Und was ist mit früheren Studien, die einen klaren Zusammenhang zwischen Instrumentalunterricht und Intelligenz nahelegten? Die Erklärung des Forschungsteams ist nüchtern: Möglicherweise wurde dabei der soziale und wirtschaftliche Hintergrund der Teilnehmenden nicht ausreichend berücksichtigt.

Shownotes
Flöte, Geige, Klavier
Wer ein Musikinstrument spielt, ist nicht unbedingt intelligenter
vom 02. Februar 2026
Moderation: 
Tom Westerholt
Gesprächspartner: 
Raphael Krämer, Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten