Jean Wyllys hat seine Heimat Brasilien verlassen. Der offen schwul lebende linke Politiker bekommt Morddrohungen. Dass diese Drohungen kein Scherz sind, weiß er spätestens, seit seine Parteifreundin Marielle Franco von rechten Milizen umgebracht wurde, sagt er. Warum er trotz Zweifeln in Deutschland bleibt, hat er unserer Reporterin Grit Eggerichs erzählt.

2010 wurde Jean Wyllys als erster und einziger offen schwuler Kandidat für die linke Partei PSOL ins brasilianische Parlament gewählt. Damals war die politische Stimmung noch anders als heute. Lula da Silva war Präsident – ein Sozialdemokrat der Arbeiterpartei PT, der Sozialprogramme für die Armen im Land einführte, Bildungsförderung für mehr Chancengleichheit auf den Weg brachte und Kampagnen für Gendergerechtigkeit und gegen Homophobie startete.

Morddrohungen gegen brasilianischen LGBTI-Aktivist

Damals hätte Jean Wyllys nie gedacht, dass er neun Jahre später in Berlin sitzen und dort bleiben würde. Seine Heimat zu verlassen, war kein leichter Schritt für ihn. Aber in den vergangenen Jahren erhielt der LGBTI-Aktivist tausende Morddrohungen. Dass diese Drohungen kein Scherz sind, weiß er spätestens, seit seine Parteifreundin Marielle Franco kaltblütig umgebracht wurde.

„Danach hat sich mein Leben drastisch verändert. Eine Eskorte hat mich jeden Tag ins Parlament begleitet. Ich bin nicht mehr ausgegangen. Es war wie Hausarrest.“
Jean Wyllys, ehemaliger Abgeordneter im brasilianischen Parlament

Jean Wyllys erlebte als Abgeordneter im Parlament, wie die Stimmung in Brasilien kippte. Die Wirtschaftskrise hatte viele unzufrieden gemacht. Hinzu kamen Korruptionsskandale. Auch wenn beinahe alle Parteien in Schmiergeldaffären verwickelt waren, konzentrierte sich der Ärger auf die Regierung.

Frauen- und schwulenfeindliche Sprüche im Parlament

Das nutzten die Mitte-Rechts-Parteien für immer massivere Anfeindungen gegen alle Politiker links der Mitte; allen voran der heutige Präsident Jair Bolsonaro, der durch frauen- und schwulenfeindliche Sprüche auf sich aufmerksam machte, wie: "Ich könnte keinen Sohn lieben, der homosexuell ist. Es wäre besser, wenn er bei einem Unfall sterben würde."

Politisches Klima in Brasilien hat sich verändert

Jean Wyllys erzählt, "wie sich Brasilien in einer nie dagewesenen politischen Gewalt selbst zerlegt hat“. Ein entscheidender Wendepunkt war das Amtsenthebungsverfahren im Jahr 2016. Damals war Dilma Rousseff Präsidentin. Im Parlament wurde mündlich über ihre Amtsenthebung abgestimmt, erinnert sich Jean Wyllys. Er hatte dagegen gestimmt. Der rechtsextreme Jair Bolonaro dafür.

Bolsonaro verband sein Ja damals mit einer Huldigung an Coronel Ustra - einen kaltblütigen Folterer der Militärdiktatur. Würde ein deutscher Abgeordneter Heinrich Himmler als großartigen Mann darstellen, wäre das wohl sein letzter Tag im Bundestag, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Grit Eggerichs. In Brasilien gab es aber lediglich ein paar Buhrufe. Zunächst.

Grit Eggerichs hat Jean Wyllys in Berlin getroffen
Grit Eggerichs hat Jean Wyllys in Berlin getroffen.

Auf einem Video von dieser Abstimmung ist zu sehen, wie ein kleiner Mann mit rotem Schal aufsteht und sich seinen Weg durchs Parlament hin zu Jair Bolsonaro bahnt – und ihm ins Gesicht spuckt. Jean Wyllys.

"Ich will natürlich niemandem ins Gesicht spucken! Aber ich war wütend, und in diesem Moment gab es keine Worte mehr."
Jean Wyllys, ehemaliger Abgeordneter im brasilianischen Parlament

Jean Wyllys wusste nicht, was er sonst hätte tun können. Aber irgend etwas musste er tun, sagt er. Jair Bolsonaro habe ihn jahrelang beleidigt und Lügen über ihn verbreitet; dass er pädophil sei, unter anderem. Er hingegen habe sich immer bemüht, nett zu bleiben und sich nicht auf dieses Niveau zu begeben. Rückblickend sagt Jean Wyllys: "Ich bereue es nicht."

Jair Bolsonaro wurde im Januar 2019 Präsident Brasiliens. Kurze Zeit später entschloss sich Jean Wyllys, von einem Urlaub in Berlin nicht mehr zurückzufliegen und sein Amt als Abgeordneter niederzulegen.

Legitimation für radikale Kräfte in der Gesellschaft, Hemmungen fallen zu lassen

Bis dahin hatte er jahrelang erlebt, wie Frauen und er als schwuler Abgeordneter im Parlament offen missachtet und beleidigt wurden.

"Wir wurden ausgebuht, wenn wir zum Rednerpult gingen. Zivilisiertes Miteinander gab es nicht mehr."
Jean Wyllys über seine Zeit im brasilianischen Parlament

Jean Wyllys sagt: Wenn die Autoritäten im Parlament sich so feindselig verhalten, ist das wie eine Legitimation für die radikalen Kräfte in der Gesellschaft, auch alle Hemmungen fallen zu lassen und loszuschlagen.

Der Mord an der lesbischen Politikerin Marielle Franco 2018 sei der Anfang einer Welle von Gewalt gegen Lesben, Schwule und Transmenschen gewesen, so Jean Wyllys. Seine Zeit in Europa will er jetzt dafür nutzen, dem Hass in Brasilien etwas entgegenzusetzen, sagt er. Er sorgt sich um seine Freunde in der Heimat.

"Meine Freunde in Brasilien sind in Gefahr."
Jean Wyllys, lebt in Deutschland

Allzu optimistisch ist Jean Wyllys nicht. Aber: "Die Hände in den Schoß legen geht jetzt gar nicht."

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