Via Livestream im Internet kann die ganze Welt am Prozess Johnny Depp gegen Amber Heard teilnehmen. Das Netz hat die Schuldfrage schon entschieden. Medienkolumnistin Samira El Ouassil erklärt, warum das gefährlich ist.

Der Prozess Depp gegen Heard ist seit Wochen in den sozialen Medien, vor allem auf Tiktok ein riesiges Thema. Dabei geht es um Schadensersatzforderungen des Schauspielers Johnny Depp gegen seine Ex-Frau, die Schauspielerin Amber Heard.

Er sieht nämlich seinen Ruf geschädigt, weil Amber Heard sich in einem Zeitungskommentar als Opfer häuslicher Gewalt dargestellt hat. Sie wiederum hat Gegenklage eingereicht, unter anderem wegen Verleumdung.

Weil so ziemlich der gesamte Prozess bei Youtube live gestreamt wird, können ihn alle Menschen auf der ganzen Welt verfolgen. Auch wenn die Jury und das Gericht noch kein Urteil gefällt haben, scheint es im Internet längst festzustehen.

Medienkolumnistin: "Online herrscht eine große Misogynie"

Samira El Ouassil ist Medienkolumnistin und sagt, die Zahlen im Internet sprechen für Johnny Depp. "Es gibt ein großes ökonomisches Interesse daran, die Frau als die Böse darzustellen, welches algorithmisch sehr gut bedient wird", sagt sie. Online herrsche nach wie vor eine große Misogynie vor, die gerne kultiviert werde.

"Die Artikel, die klar voreingenommen sind, erreichen viel mehr Aufrufe. So entsteht ein Schneeballeffekt mit frauenfeindlicher Selbstbestätigung."
Medienkolumnistin Samira El Ouassil über den Zusammenhang von Algorithmen und Frauenfeindlichkeit

Je mehr Anti-Heard-Inhalte geteilt werden, desto größer wird die Wut auf sie und auch die Selbstbestätigung und Gewissheit, dass die Attacken, die man gegen sie ausführt, berechtigt seien, sagt die Medienkolumnistin. Schließlich sehe man die ganzen Artikel dazu im Internet.

Toxische Fankultur und toxische soziale Liebe

Hinzu kommt, dass Johnny Depp ein internationaler Star ist. "Für manche hat er fast einen nostalgischen Wert, viele lieben seine Figuren", sagt Samira El Ouassil. Dadurch habe sich eine toxische Fankultur und toxische soziale Liebe um ihn herum aufgebaut, die sich dann in Hass gegen die Frau verkehre.

"Egal wie der Prozess ausgehen wird, es wird nur Verlierer geben."
Medienkolumnistin Samira El Ouassil über den Prozess

Die Medienkolumnistin ist deshalb überzeugt davon, dass das ein Prozess ist, aus dem nur Verlierer*innen hervorgehen werden. "Allen voran sind das die Betroffenen häuslicher Gewalt, die sehr aufmerksam beobachten, wie die Justiz, die etablierten Medien und die sozialen Medien sowie die gesamte Öffentlichkeit mit einer angeklagten Frau umgehen, die von Gewalterfahrungen berichtet und hierbei eben einen Mann anklagt, der so prominent wie beliebt ist", sagt sie.

Samira El Ouassil befürchtet, dass der Prozess und die Medienschlacht zu einer großen Abschreckung bei Menschen führt, sich aktiv gegen häusliche oder sexuelle Gewalt zu wehren. Denn der aktuelle Fall zeige allen, wie Betroffene diffamiert, attackiert, verspottet und demontiert werden würden.

Der Diskurs im Internet und auf Social Media könnte sich letztlich auch auf das Urteil auswirken, vermutet die Medienkolumnistin. "Ich gehe davon aus, dass die Richterin sich noch einmal an die Jury wendet und sagt: Bitte, lassen Sie sich nicht beeinflussen", sagt sie. "Wir können nur darauf hoffen, dass sie so unvoreingenommen und neutral und unparteilich wie möglich ihr Urteil fällen. Aber das wird auf jeden Fall sehr schwer, glaube ich."