Wenn ein Film einen Oscar gewinnen will, muss er in Los Angeles im Kino gelaufen sein. Doch auch in den USA sind die Kinos wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Darum macht die Academy eine Ausnahme: Auch Filme, die ausschließlich auf Streaming-Plattformen zu sehen sind, können gewinnen. Jetzt prognostizieren manche das Ende der Kinos.

Der "Kulturkampf" Kino vs. Streaming bekommt in der Coronakrise neues Futter: Eigentlich muss ein Film an mindestens sieben aufeinanderfolgenden Tagen in Los Angeles im Kino zu sehen sein, damit er einen Academy Award bekommen kann. Das ist gerade unmöglich, deshalb haben die Organisatoren für die 93. Oscars, die 2021 vergeben werden, die Regeln geändert. Auch Filme, die nur auf Streaming-Plattformen zu sehen sind, sind diesmal zugelassen. Die Ausnahme soll aber nur so lange gelten, bis die Kinos wieder geöffnet sind. Für die Filme, die danach rauskommen, gilt wieder die 7-Tage-Regel, also die Kinopflicht.

Kampf der Kulturen

Seit längerem gibt es eine Art Glaubenskrieg, ob Kino oder Streaming besser ist, um neue Machwerke unters Volk zu bringen: Welche Filme sollten wann, warum, wo laufen und so weiter. Bisher gilt die Regel: Die meisten Filme kommen zuerst in die Kinos und erst später werden sie bei Netflix, Amazon Video oder Apple iTunes gezeigt. Größen der Filmbranche wie etwa Steven Spielberg werden nicht müde, das Kino als die einzig wahre und richtige Form des Filmkonsums zu proklamieren. Die bisherige Kino-Pflicht der Academy Awards bestätigt diese Sichtweise.

"Ich könnte mir vorstellen, dass die Academy ihre Kino-Vorliebe einfach generell nicht aufgeben will."
Konstantin Köhler, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Natürlich gibt es aber auch die Gegenseite – und deren Argumente sind durchaus nachvollziehbar, berichtet Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter Konstantin Köhler. Wäre es tatsächlich so, dass Filme nur dann gut sind, wenn sie im Kino laufen, dann hätte die Academy für die Zeit der Coronakrise einfach gar keine Filme für den Wettbewerb zulassen dürfen, schreibt etwa Sebastian Grüner im Online-Magazin Golem.

Produktionsfirma Universal vs. Kinobetreiber AMC

Unabhängig von den Corona-bedingten Verlusten müssen die Kinos momentan ohnehin mit ziemlich viel Gegenwind klarkommen. Der Konzern NBC-Universal, zu dem auch die Produktionsfirma Universal Pictures gehört, hat kürzlich klargemacht, dass er sich vorstellen kann, seine Filme zukünftig in Kinos und bei Streaming-Plattformen gleichzeitig an den Start zu bringen. Damit hätten die Kinos ihr großes Alleinstellungsmerkmal – früher dran zu sein als der Rest – verloren.


Jeff Shell, der Chef von NBC-Universal, sagte dem Wall Street Journal, dass der Universal-Film Trolls World Tour allein auf digitalem Weg - und nur in Nordamerika - bereits mehr als 100 Millionen US-Dollar eingespielt hat. Diese Entwicklungen könnten den Markt nachhaltig verändern. Der Kinobetreiber AMC findet das Vorgehen von NBC-Universal alles andere als toll. Der AMC-Chef Adam Aron nennt es "inakzeptabel", schreibt der Hollywood Reporter und hat harte Maßnahmen gegen Universal-Filme angekündigt: AMC will sämtliche Universal-Filme aus seinen Kinos verbannen.

Droht das Ende der Kinos?

Wie viele andere Studios sich an Universal orientieren werden, wird sich zeigen. Eins steht aber fest: Der Druck auf die Kinos ist in Corona-Zeiten größer geworden. Und die Streaming-Plattformen melden viele neue Abonnenten. Richard Schaber vom Online-Magazin Digitalfernsehen geht davon aus, dass viele Kinos für immer schließen müssten, wenn sie die Filme nicht zuerst zeigen könnten. Für ihn wäre das ein Bruch mit einer existenziell wichtigen Tradition. Weniger Kinos würden einen Verlust für die Kulturlandschaft bedeuten.