Wenn wir älter werden, kann es vorkommen, dass der Kontakt zu unseren Eltern weniger wird und wir uns auch emotional kaum mit ihnen verbunden fühlen. Diese sogenannte Entfremdung ist in Deutschland keine Seltenheit.

"Heute Abend werde ich Mama endlich zurückschreiben oder Papa mal anrufen". Und dann lassen wir den Gedanken doch wieder fallen. Sind wir einmal von zu Hause ausgezogen und haben unseren eigenen Alltag, kann sich die Beziehung zu unseren Eltern verändern. Der Kontakt kann zum Beispiel abnehmen – bis wir uns von unseren Eltern entfremdet haben.

Entfremdung ist keine Seltenheit

In Deutschland ist eine Entfremdung von den Eltern nicht ungewöhnlich. Zu dem Ergebnis kommt ein Team von Soziologen von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Universität zu Köln in einer Studie.

Für ihre Analyse haben die Forscher einen Kontakt als entfremdet bezeichnet, wenn das Kind und ein Elternteil weniger als ein Mal im Monat Kontakt miteinander hatten. Kontakt meint hier alle möglichen Kommunikationswege: Gespräche am Telefon, Textnachrichten oder ein gemeinsames Treffen. Zudem standen sich die Kinder und ihre Eltern auch nicht emotional nahe.

Für die Studie haben sie die Daten von mehr als 10.000 Menschen im Alter von 18 bis 45 Jahren untersucht, die nicht zusammen mit ihren Eltern lebten.

Die Daten haben die Forscher von der repräsentativen Längsschnittstudie Pairfam. Die Panelstudie zum Thema Beziehungen und Familie ist 2008 gestartet und befragt seitdem in regelmäßigen Abständen dieselben Personen zu ihren Partnerschaften und Familienverhältnissen. Für die Analyse der beiden Forscher über die Entfremdung in Eltern-Kind-Beziehungen haben sie sich Daten aus den Jahren 2008 bis 2018 angesehen.

Mehr Distanz zum Vater

Das Ergebnis: Kinder entfremden sich häufiger von ihren Vätern als von ihren Müttern. Danach hatten 20 Prozent der Teilnehmenden einen entfremdeten Kontakt zu ihrem Vater und neun Prozent zu ihrer Mutter. "Das erklären die Forscher damit, dass die Bindung zur Mutter einfach oft enger ist als zum Vater", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Wiebke Lehnhoff. Dabei machte es auch keinen Unterschied, welches Geschlecht das Kind hatte.

"Die Entfremdung vom Vater kam generell häufiger vor als die von der Mutter."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk Nova

Wenn sich die Beziehung verschlechtert

Die Gründe dafür sind individuell. Allgemein können einschneidende Familienereignisse laut der Forscher eine Entfremdung verursachen. Stirbt zum Beispiel ein Elternteil, würde das oft die Beziehung zwischen Kind und dem anderen Elternteil verschlechtern.

Der seltene Kontakt kann auch durch die Trennung der Eltern ausgelöst werden. Haben die Kinder zusätzlich ein schlechtes Verhältnis zu möglichen Stiefeltern, entfremdet sich das Kind häufig auch von seinem leiblichen Elternteil, so die Forscher.

Die Studie hat aber auch gezeigt, dass sich die entfremdete Beziehung zwischen Kind und Elternteil wieder verbessern kann. Etwa bei der Hälfte der Teilnehmenden war das der Fall.

"Eine Entfremdung von den Eltern ist in Deutschland laut dieser Studie gar nicht selten. International gesehen liegen wir aber wohl auf einer relativ durchschnittlichen Position, sagen die Forscher."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk Nova