Ein Gemälde ermöglichte einer jüdischen Familie die Flucht aus Nazi-Deutschland. Wo ist das Bild heute? Eine Gruppe von Journalisten hat die Spur aufgenommen.

Das Bild ist kein Picasso, kein teurer Kunstschatz. Aber das Gemälde des jüdischen Malers Otto Theodor Stein steht stellvertretend für Millionen Kunst- und Wertgegenstände, die die Nazis damals von ihren Opfern erpressten oder raubten.

1938 kurz nach der Reichsprogromnacht verliert sich die Spur eben jenes Porträts aus dem Besitz der jüdischen Familie Engelberg. Ein interaktives Rechercheprojekt macht sich auf die Suche, es aufzuspüren.

Journalist Christian Salewski im Gespräch mit Grit Eggerichs
"Am 10. November 1938 kam die Gestapo zu der Familie Engelberg in München und verschleppt den Vater Jakob Engelberg ins KZ Dachau. Um ihren Mann aus dem KZ zu befreien, nimmt seine Frau ein Gemälde, rollt es auf und geht. Wenige Stunden kommt sie wieder und hat ein Visum für die Schweiz dabei. Mit dem Visum erreicht sie, dass ihr Mann aus dem KZ entlassen wird."

14 Bilder, eine heiße Spur

Unterwegs in Deutschland, Tschechien, Österreich und der Schweiz folgen die Journalisten der Spur des Bildes. Ihre Ergebnisse dokumentieren sie unter kunstjagd.com und berichten unter dem Hashtag #kunstjagd live von unterwegs, auch mit Unterstützung der Netzcrowd. Knapp vier Wochen später hat das Team um Fredy Gareis und Christian Salewski gleich mehrere Richtungswechsel in der Recherche eingeschlagen. Jeder Hinweis öffnet einen neuen Weg, andere zerschlagen sich wieder.

"Auf dem Weg nach Bern erreichte uns eines der wichtigsten Puzzelstücke bei dieser Recherche: das Schweizer Visum für Jakob Engelberg."
Fredy Gareis, Journalist von #kunstjagd

Zuletzt konzentrierten sich die Journalisten vor allem auf die weiteren Werke des Künstlers Otto Theodor Stein. 14 Gemälde konnten sie ausmachen, die ähnlich wie das verschwundene Bild Porträts von Frauen zeigen. Kann es sich auch um eines dieser Bilder handeln? Die Rückfragen beim Zeitzeugen Edward Engelberg verliefen zunächst ernüchternd. Er identifizierte bisher keines der Bilder als das verschwundene Porträt. Aber noch kommt ein Bild in Frage. Und es gibt eine weitere wichtige Spur.

Journalist Christian Salewski mit Stephen Engelberg vor der zweiten Version des Bildes
© Christian Salewski
Journalist Christian Salewski mit Stephen Engelberg vor einer zweiten Version des Bildes, das die Familie Engelberg nur "ihre Mona Lisa" nennt. Die erste Version des Bildes hatte der jüdischen Familie 1938 geholfen zu fliehen.

Das Schweizer Visum, das der Familie damals zur Ausreise verholfen hat, ist aufgetaucht. Wird es Aufschluss geben, wer das Bild damals als Tausch gegen das rettende Dokument an sich nahm? Aktuell arbeiten die Journalisten daher in der Schweiz. Und sie sind nicht allein - die digitale Unterstützergemeinde ist mit dabei. Jeder Hinweis zählt.