Zwei Schwestern, Routinen der Armut und plötzlich: Veränderung. Caroline Wahls Figuren in "22 Bahnen" lassen keine Chance für Distanziertheit.

Kopfüber ins Wasser, und dann bis zum Grund. Tilda taucht bis zur tiefsten Stelle, setzt sich auf den Boden des Schwimmbeckens und schaut nach oben. So wie jedes Mal, wenn sie hier ist. Aber heute ist es nicht wie sonst. Dass sie hier sind, Ida und Tilda, ist sowas von surreal – und gleichzeitig das einzig Logische für den Moment.

Tilda fährt ins Schwimmbad, so oft, wie sie es zwischen Kassenjob, Masterarbeit und Große-Schwester-Sein einrichten kann. Wenn es geht jeden Abend. Dann sitzt sie neben der Rentnerin Ursula auf der Bank, oder am Beckenboden, oder sie schwimmt ihre 22 Bahnen. Und manchmal kommt ihre kleine Schwester Ida mit.

Die Mutter auf dem Sofa

So wie heute. Später dann soll es Pizza geben – denn es ist ein besonderer Tag. Ida hüpft schon ganz glücklich und grinst sehr breit. Tilda grinst auch. Aber ihr Grinsen verschwindet, als sie feststellt, dass in ihrer Wohnung gar kein Licht brennt. Und als sie die Wohnung aufschließt ist es still, viel zu still. Sie stürmt ins Wohnzimmer. Ida hinterher. Und da liegt sie: Mama, friedlich, auf dem Sofa, im Schlafanzug.

"Vor allem die Momente, in denen sich die Figuren unterhalten, hat Caroline Wahl so geschrieben, als ob man daneben stünde."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Literaturexpertin

"22 Bahnen" von Caroline Wahl ist ein Roman, den man nicht einfach nur liest, sondern der einem widerfährt. Das liegt am Können der Autorin, findet Lydia Herms.

Die beiden Schwestern im Roman leben mit ihrer Mutter in einem Mehrfamilienhaus am Ende einer Straße voller Einfamilienhäuser in einer Kleinstadt. Soweit, so normal. Aber was heißt das schon? Dass die Mutter trinkt und sich dann in ein Monster verwandelt, das ist für die beiden Mädchen sehr normal.

Am Ende der Normalität

Nicht normal ist hingegen, wenn ein Dozent Tilda regelrecht anfleht, sich auf eine Promotionsstelle im fernen Berlin zu bewerben. Oder wenn plötzlich ein Typ im Schwimmbad auftaucht und sie an jemanden erinnert und dabei Schwärme von Libellen in ihr freilässt. Tilda will das nicht. Und gleichzeitig doch.

Das Buch: "22 Bahnen" von Caroline Wahl, erschienen bei Dumont, 205 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 22,- €, Taschenbuch: 12,- €, E-Book: 17,99 €, Audio-Book: 19,99 €, gelesen von Carolin Haupt

Die Autorin:
Caroline Wahl wurde 1995 in Mainz geboren und wuchs in der Nähe von Heidelberg auf. Sie hat Germanistik und Deutsche Literatur studiert. Danach arbeitete sie in mehreren Verlagen. 2023 erschien ihr Debütroman "22 Bahnen", für den sie mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis, dem Grimmelshausen-Förderpreis und dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet wurde.