Zwei Stunden im steckengebliebenen Fahrstuhl – und plötzlich fühlt sich alles nach Schicksal an. Charlie ist überzeugt: Valentin ist ihre große Liebe. Doch je näher sie ihm kommt, desto mehr gerät alles ins Wanken…
Ein Fahrstuhl, Stromausfall, Dunkelheit. Zwei Stunden und drei Minuten sind sie eingeschlossen. Sie reden, lachen, erzählen sich Dinge, die man sonst niemandem erzählt. Ihre Finger ineinander verschränkt.
Für Charlie fühlt sich dieser Moment nicht zufällig an, sondern wie der Anfang von etwas, das größer ist als sie selbst. Genau hier setzt der Roman "Gelbe Monster" von Clara Leinemann an – und zieht die Lesenden direkt hinein in diese intensive, leicht verstörende Liebesgeschichte.
Ein Moment, der bleibt
Aus dieser Nacht nimmt Charlie vor allem eines mit: Gewissheit. Dass da etwas ist zwischen ihnen. Etwas Echtes.
"Flachatmend erzählen sie sich alles, ihre schlimmsten Albträume und ihre liebsten Kindheitserinnerungen. Sie hören Musik mit ihren Smartphones, sie lachen, sie schweigen."
Die Szene bleibt nicht isoliert. Sie setzt sich fort in weiteren Begegnungen: Drinks in einer Bar, gemeinsame Nächte, körperliche Nähe. Immer wieder tauchen sie im Leben des anderen auf. Für Charlie ergibt sich daraus ein Muster – eines, das sich wie Schicksal anfühlt.
Was nicht zusammenpasst
Doch gleichzeitig steht etwas im Weg. Valentin hat eine Freundin. Er ist nicht verlässlich, nicht eindeutig. Er kommt und geht.
"Er geht fremd, taucht auf und verschwindet, wann es ihm passt. Er bestraft sie mit Schweigen"
Diese Widersprüche sind von Anfang an da. Und doch verlieren sie für Charlie an Bedeutung. Wichtiger ist das Gefühl, das sie mit ihm verbindet. Die Intensität der Momente, die Blicke, die Nähe. Dabei wird deutlich, was sie antreibt.
"Offensichtlich sehnt sie sich danach, geliebt, gebraucht und umsorgt zu werden."
Ihre Sehnsucht danach, geliebt, gebraucht und umsorgt zu werden, durchzieht alles. Sie bestimmt, wie Charlie die Beziehung wahrnimmt – und wie viel sie bereit ist zu übersehen. Mit der Zeit verändert sich aber etwas. Aus Nähe wird Unsicherheit. Aus Gewissheit Zweifel. Charlie beginnt, sich zu vergleichen, sich selbst in Frage zu stellen.
"In jeder Frau, in jedem Blick und in jedem Satz sieht sie eine potenzielle Gefahr."
Diese Wahrnehmung wird zum ständigen Begleiter. Sie passt sich an, versucht, zu genügen, alles richtig zu machen. Und wenn das nicht reicht, kippt etwas. Die Beziehung bleibt intensiv – aber sie wird auch unberechenbar. Und irgendwann steht die Frage im Raum, ob das, was sich einmal wie Schicksal angefühlt hat, wirklich eines ist.
Charlie ist klug, se kann analytisch denken. Ihren Gefühlen allerdings kann sie nicht trauen. In jeder Frau, in jedem Blick und in jedem Satz sieht und hört Charlie eine potenzielle Gefahr. Und wie begegnet sie dieser Gefahr? Entweder passt sie sich an, ist lieb, lustig, geduldig. Je nachdem. Und wenn das nicht reicht, schlägt sie zu.
Das Buch: "Gelbe Monster" von Clara Leinemann | suhrkamp nova | 191 Seiten | gebundene Ausgabe: 22 €, eBook: 18,99 €, ein Hörbuch gibt es auch, 5’30 Std. lang, ca. 17 €
Die Autorin: Clara Leinemann ist 1994 in Köln geboren, studierte Kreatives Schreiben in Hildesheim und schreibt heute Prosa-, Dramen- und Hörspieltexte. Ihr Theaterstück "Buddeln" wurde mehrfach ausgezeichnet und in verschiedenen Häusern in Deutschland und in Übersetzung in den Niederlanden gespielt. Für ihre Arbeit erhielt sie verschiedene Stipendien, darunter das Berliner Senatsstipendium und das Arbeitsstipendium des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Arbeit. Aktuell lebt sie in Berlin.
