Der Bund und die Länder sprechen heute wieder darüber, wie es mit den Corona-Vorschriften weitergehen soll. Gelockerte Maßnahmen sollte es erst dann geben, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz unter zehn liegt, fordert Physiker Dirk Brockmann vom RKI. Andernfalls sei eine dritte Welle wahrscheinlich.

Die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern nehmen seit Tagen ab. Auch die Zahl der Todesfälle sinkt. Gleichzeitig verbreiten sich die Coronavirus-Mutanten B.1.1.7 und B.1.351, die deutlich ansteckender sein sollen, in immer mehr Ländern.

Physiker Dirk Brockmann warnt vor einer dritten Welle, wenn wir die aktuellen Maßnahmen nicht beibehielten. Er leitet die Abteilung für Epidemiologische Modellierung am Robert Koch-Institut (RKI) und berechnet mithilfe von Computermodellen, wie sich die Pandemie entwickeln könnte. Auf dieser Grundlage plädiert er dafür, solange mit Lockerungen zu warten, bis die Inzidenzwerte deutlich gesunken sind. Und dabei denkt er nicht an den Wert 50 sondern eher an einen Wert von zehn. Dann wären die Fälle rückverfolgbar, sagt Dirk Brockmann und erst mit niedrigen Werten in diesem Bereich hält er eine Öffnung von Schulen, Kitas oder dem Einzelhandel für sinnvoll.

"Wir müssen die Maßnahmen, die jetzt wirken, solange wirken lassen, bis wir in einen Bereich kommen, wo die Inzidenzen unter einen sehr geringen Wert kommen."
Dirk Brockmann, Leiter der Abteilung für Epidemiologische Modellierung am Robert Koch-Institut

Nur wenn die Fallzahlen und die Sieben-Tag-Inzidenz deutlich niedriger sind als bisher, seien aus seiner Sicht Maßnahmen ähnlich wie im Sommer 2020 denkbar. Bei der von der Bundesregierung bislang angestrebten Inzidenz von 50 könnte hingegen die Hälfte der Neuinfektionen nicht rückverfolgt werden.

Dritte Welle umgehen

Ziel ist es laut Dirk Brockmann jetzt, intelligent zu handeln – gerade mit Blick auf die Coronavirus-Variante B.1.1.7. Die habe sich neben Großbritannien mittlerweile auch in Irland sehr stark durchgesetzt. Deshalb geht der Physiker davon aus, dass sie sich auch in Deutschland ausweiten wird.

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Das bedeutet: Der Reproduktionswert sollte auch bei dieser Mutante unter eins liegen – trotz sinkender Fallzahlen. Würde sich die Mutante B.1.1.7 im Vergleich zu anderen Coronavirus-Varianten stärker ausbreiten, wäre eine dritte Welle wahrscheinlich, weil B.1.1.7 offenbar ansteckender ist. Um das zu vermeiden, braucht es schnelle und gezielte Strategien, sagt er.

"Auch in Irland weiß man, dass diese Mutante quasi schon das Ruder übernommen hat. Davon auszugehen, dass Deutschland verschont bleibt, das ist natürlich unrealistisch."
Dirk Brockmann, Leiter der Abteilung für Epidemiologische Modellierung am Robert Koch-Institut