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Melina hat das Gefühl: Alle anderen haben klare Ziele im Leben – nur sie selbst nicht. Eine Forscherin erklärt, warum die Suche nach dem eigenen Weg heute so herausfordernd sein kann und welche Rolle Social Media dabei spielt.

Melina wusste schon nach dem Abi nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte. Sie hat BWL studiert, konnte sich damit aber nicht wirklich identifizieren. Anschließend hat sie einen Master in Medienwissenschaften gemacht. Doch auch jetzt weiß sie noch nicht, was sie damit beruflich machen möchte. Deshalb absolviert sie jetzt erstmal ein Praktikum in Berlin.

Keine richtige Perspektive

Im Grunde fühlt sich Melina verloren zwischen all den Möglichkeiten und der Suche danach, was sie vom Leben wirklich will. Gleichzeitig spürt sie einen gesellschaftlichen Druck. "Ich habe mich auch allein damit gefühlt, mit diesem Gefühl. Weil es auch etwas ist, worüber man, glaube ich, nicht so mit anderen Leuten spricht", erzählt sie.

"Dadurch, dass ich nach dem Studium keine Perspektive hatte, was ich machen will, hat sich dieses Lost-Sein dann irgendwie auf alle Bereiche auch ausgewirkt."
Melina, fühlt sich lost und weiß nicht, was sie im Leben will

Melina erzählt, dass sie schon während des Studiums wusste, dass es eigentlich nicht das ist, was sie machen möchte. "Den Master habe ich hauptsächlich gemacht, um mir selbst ein bisschen zu beweisen, dass ich es kann, und weil ich irgendwie dachte, dass das von mir erwartet wird."

Gleichzeitig kam bei ihr immer wieder der Gedanke auf, dass es auch andere Möglichkeiten gegeben hätte.

FOMO und Chancen(un)gleichheit

Doch woher kommt diese FOMO (Fear of Missing Out) – also die Angst, etwas zu verpassen? Und haben Jüngere tatsächlich so viele Optionen?

Carla Hornberg forscht am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung zu Ungleichheiten in der Bildung und am Arbeitsmarkt. Sie sagt, dass jungen Menschen heute sehr stark der Eindruck vermittelt werde, ihnen stünden alle Möglichkeiten offen. "Und dass es in ihrer eigenen Verantwortung liegt, daraus die optimale Biografie zu machen. Allerdings zeigt die Mobilitätsforschung, dass die tatsächlich realisierbaren Möglichkeiten nach wie vor sehr stark ungleich verteilt sind."

Mehr Bildungs- und Berufsoptionen

Heißt: Wer mehr Zugang zu Bildung hat oder finanziell besser abgesichert ist, hat auch mehr Möglichkeiten im Leben. Gleichzeitig hat sich das Angebot an Bildungs- und Berufsoptionen durchaus erweitert.

"Wir sehen mehr Studiengänge, Fachhochschulen, duale Studiengänge, berufliche Fortbildungswege und eine größere Durchlässigkeit zwischen Bildungswegen."
Carla Hornberg, forscht zu Ungleichheiten in der Bildung und am Arbeitsmarkt

Carla Hornberg zufolge verstärkt zudem Social Media das Gefühl, etwas zu verpassen. Denn dort sehen wir all die Wege, die wir selbst nicht eingeschlagen haben – zum Beispiel die Medizinstudentin in Dresden, die Unternehmensgründerin in Berlin, den Aussteiger in Portugal oder den YouTuber auf Bali.

Social Media: Wir sehen, was andere haben – und wir nicht

Zu sehen, was andere haben, kann uns mit unseren eigenen Entscheidungen unzufrieden machen, sagt Carla Hornberg. "Wenn man diese Wahlmöglichkeiten sieht, kann daraus ganz schnell werden: Es gibt viele mögliche Wege, mir stehen eigentlich alle Wege offen und irgendwo gibt es wahrscheinlich einen besseren als den, für den ich mich entschieden habe."

Die Forscherin spricht in diesem Zusammenhang auch von "Maximierungsdruck", vom Bedauern über nicht gewählte Alternativen und von Karriereängsten. All das kann sich negativ auf die eigene Lebenszufriedenheit auswirken, sagt sie.

Auch Melina sah auf Social Media immer wieder die vermeintlich perfekten Lebensläufe anderer – Selbstzweifel oder Phasen der Orientierungslosigkeit hingegen kaum. Das hat sie zusätzlich verunsichert.

"Bei mir ist es so, dass ich mich dann mit anderen vergleiche und dass ich mich dann auch selber einfach immer hinterfragt habe, ob irgendwas bei mir nicht stimmt."
Melina, fühlt sich lost

Inzwischen hat Melina sich davon etwas gelöst und verspürt weniger Druck von außen. "Weil ich einfach gemerkt habe, dass es in Ordnung ist, wenn ich nicht die gleichen Ziele oder Wünsche wie andere habe – weil es ja eben mein Leben ist", sagt sie.

Und obwohl Melina nach wie vor keine konkreten Ziele oder Pläne hat, blickt sie positiv nach vorn. Denn sie weiß inzwischen immerhin ziemlich gut, was nicht zu ihr passt.

"Ich glaube, das kommt einfach alles so, wie es für mich passt. Nur, dass ich einfach offen und mutig sein muss, die Dinge auch auszuprobieren."
Melina, weiß nicht, was sie im Leben will

Wie wir Umbruchphasen für uns nutzen

Melina befindet sich nach dem Studium in einer Zwischenphase – auf dem Weg von der Uni ins Berufsleben. Mit dem Abschluss geht schließlich auch ein Lebensabschnitt zu Ende. Gerade in solchen Umbruchphasen verspüren wir oft große Unsicherheit, sagt die Psychologin Antonia Speerforck.

"Ich fühle mich in mir nicht mehr sicher, weil ich eben nicht so ganz orientiert bin. Und das kann eben auch dazu führen, dass mein Selbstwertgefühl ein bisschen einknickt."
Antonia Speerforck, Psychologin

Dieses Gefühl von Planlosigkeit könne auch zu Ängsten oder sogar depressiven Verstimmungen führen, so die Psychologin. Doch es gibt Wege, aus dieser negativen Spirale herauszukommen.

Den Perfektionismus aufgeben

Die Psychologin rät dazu, zunächst kleine Schritte zu machen und einfach neue Dinge auszuprobieren. "Und auch ein bisschen zu gucken: Wohin führen mich diese Schritte? Also diesen Perfektionismus aufzugeben, dass der nächste Schritt immer der richtige sein muss, das ist was ganz Wichtiges."

Außerdem sollten wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir alles im Leben ausprobieren können, sagt Antonia Speerforck. Sie rät außerdem dazu, sich weniger mit anderen zu vergleichen und den Blick stärker auf die schönen Dinge im eigenen Leben zu richten.

"Wir müssen uns erlauben, auch ein bisschen stolz sein zu dürfen und zu sagen: 'Hey, das habe ich auch schon geschafft.' Auch wenn es vielleicht nicht den Instagram-Kacheln unserer Vorbilder entspricht."
Antonia Speerforck, Psychologin

Ziele im Leben zu haben, hält Antonia Speerforck für sehr wichtig. Genauso wichtig sei es aber, immer mal wieder von ihnen abzuweichen und zu überprüfen:

  • Stimmt das Ziel noch für mich?
  • Wo bin ich jetzt?
  • Was ist in meinem Leben gerade dran, um mein Ziel zu erreichen?

Phasen des Umbruchs und der Unsicherheit können am Ende auch gute Phasen sein, so die Psychologin.

Weil wir durch sie viele neue Erfahrungen machen.

Redaktioneller Hinweis: Auf dem Bild oben ist nicht Melina zu sehen.

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Shownotes
Lost sein
Woher weiß ich, wo ich im Leben hinwill?
vom 30. September 2026
Gesprächspartner*in: 
Melina, fühlt sich lost und weiß nicht, was sie im Leben will
Gesprächspartner*in: 
Carla Hornberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin/Postdoktorandin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, forscht zu Ungleichheiten in der Bildung und am Arbeitsmarkt
Gesprächspartner*in: 
Antonia Speerforck, systemische psychologische Psychotherapeutin, Autorin von "Wo ist mein Platz im Leben?"
Autor*in und Host: 
Ivy Nortey
Redaktion: 
Friederike Seeger, Yevgeniya Shcherbakova, Sarah Brendel, Anton Stanislawski
Produktion: 
Philipp Adelmann