Pauli ist teilweise so gestresst von ihrer Ausbildung, dass sie schon mal über einen Abbruch nachgedacht hat. Ausbildungen werden öfter nicht zu Ende gebracht als gedacht. Dabei geht es um eine Kosten-Nutzen-Entscheidung.
Paulis Alltag ist gerade von Gesetzestexten, Paragrafen-Büffeln und Fristen geprägt. So schwer hatte sie sich ihre Ausbildung nicht vorgestellt.
Sie möchte Steuerfachangestellte werden. Ihren Job in der Kanzlei, die Berufsschule, das viele Lernen und ihre Freizeit zu managen, findet Pauli herausfordernd. "Das erste Ausbildungsjahr ist schwer, aber man hat noch Spaß daran. Das zweite Ausbildungsjahr zieht sich wie ein harter Kaugummi", sagt sie.
"Ich bin jetzt im zweiten Ausbildungsjahr und ich würde sagen, das war mit das härteste Jahr in meinem Leben – auch wenn das dramatisch klingt."
An eine Situation erinnert sie sich besonders gut. In ihrem Job muss sie regelmäßig wichtige Fristen einhalten. Jeden Monat muss sie zum Beispiel Umsatzsteuer-Voranmeldungen für ihre Mandant*innen ans Finanzamt übermitteln. Ihre Aufgabe ist es, den Überblick zu behalten, Unterlagen zusammenzusuchen und mit den Mandant*innen im Austausch zu bleiben. Als sie aber einmal krank war, hat sie das nicht geschafft – und das hat sie sehr gestresst.
"Alles, was man als Auszubildender nicht schafft, wird auf die anderen umgelagert oder im schlimmsten Fall auch auf die Chefs. Und das hat mich so unter Druck gesetzt. Letztens hat eine Freundin zu mir gesagt: Bist du sicher, das ist das Richtige für dich? Weil das ja jeden Monat so ist", erzählt Pauli.
Wie ein Vollzeitjob
Im Betrieb hat sie also eine bestimmte Verantwortung. Und gleichzeitig zwei Tage weniger Zeit, alles zu erledigen, weil sie dann in der Berufsschule ist.
Das alles zu managen, kann sich viel anfühlen. Manchmal spielt Pauli mit dem Gedanken, abzubrechen. Aber sie hat für sich klar: Sie möchte diese Ausbildung zu Ende bringen. Der Beruf macht ihr Spaß. "Alles Harte geht irgendwann mal vorbei. Deswegen denke ich mir immer: Zähne zusammenkneifen und ein bisschen lernen", so Pauli.
Passt das zu mir?
Diese Doppelrolle, die Pauli beschreibt, nimmt auch Miriam Junge in Gesprächen mit ihren Klient*innen wahr. "Was mich in meiner Arbeit immer wieder überrascht, ist, dass es oft nicht die Arbeitsmenge der Auszubildenden ist, die sie belastet, sondern eher diese seltsame Doppelrolle: Man ist kein Schüler mehr, aber man ist auch noch kein richtiger Teil des Teams. Man soll Fehler machen dürfen, aber wird gleichzeitig bewertet", erklärt die Psychotherapeutin und Coach. Das könne auf Dauer unsicher machen.
Dabei gibt es Aspekte, die wir verändern können und andere, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Über das Thema Belastung können wir mit unseren Ausbilder*innen sprechen und zum Beispiel Aufgaben anpassen. Eine angespannte Arbeitsatmosphäre im Betrieb hingegen können wir nicht alleine angehen.
"Den Fehler, den viele in dem Moment machen, ist, sie versuchen mit Emotionsregulation ein lösbares Problem zu lösen oder eben umgekehrt mit Aktivismus irgendwas zu kontrollieren, was aber nicht kontrollierbar ist", so Miriam Junge.
"Abbruch ist dann richtig, wenn das Festhalten mehr kostet als ein Neustart."
Dabei geht es auch um die Frage: Ist das eine schwierige Phase oder eine Ausbildung, die nicht zu uns passt? "Wenn wir einen Arbeitgeber oder Ausbilder haben, der überhaupt nicht sieht, wie es uns geht und auch kein Interesse dafür besteht, dann sollten wir uns damit auseinandersetzen, ob wir die richtige Stelle haben", sagt die Psychotherapeutin.
Pauli hat ihren Betrieb innerhalb der Ausbildung zum Beispiel gewechselt, weil sie in der ersten Kanzlei eher die Aufgaben einer Sekretärin erledigen sollte als die einer Steuerfachangestellten. Jetzt hat sie mehr Verantwortung und betreut Mandant*innen.
"Ein Viertel aller Ausbildungen in Deutschland werden abgebrochen – das ist kein Randphänomen."
Ein Abbruch ist auch eine Möglichkeit. Das ist kein persönliches Versagen. Wie wir uns in einer Ausbildung fühlen, können wir vorher eben nicht einschätzen. Das wissen wir erst, wenn wir es ausprobiert haben. Sollte unsere Gesundheit darunter leiden, Mobbing ein Thema sein oder gegen Ausbildungsverträge verstoßen werden, geht es außerdem um Selbstschutz.
"Was ich meinen Klienten häufig sage: In solchen Situationen drei Jahre etwas durchhalten, was nicht zu mir passt und was mich nicht gut fühlen lässt, ist eine verlängerte Version einer falschen Entscheidung", erklärt Miriam Junge.
In der Podcast-Folge geht die Psychotherapeutin noch weiter darauf ein, wie wir Stress von Überlastung unterscheiden können. Ute Leber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erklärt zudem, wie unbesetzte Ausbildungsstellen den Fachkräftemangel verstärken und wie Unternehmen versuchen, dagegen vorzugehen. Klickt dafür oben auf den Play-Button.
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