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Donald Trump will sich Grönland um jeden Preis einverleiben. Viele Grönländer lehnen eine Übernahme ab. Dänemark setzt auf Gespräche, Europa reagiert bislang zögerlich. Welche Optionen hat die EU, um Grönland politisch und wirtschaftlich zu schützen?

"Ownership is very important, because it's what I feel psychologically needed for success." – So hat es Donald Trump der New York Times gesagt. Für den US-Präsidenten ist es "psychologisch" wichtig, Dinge zu besitzen. Auch darum will er wohl Grönland haben.

Deshalb gab es im Washington ein Treffen zwischen hochrangigen Vertretern aus den USA, Dänemark und Grönland. Eine Einigung gab es nicht, nun soll eine "hochrangige Arbeitsgruppe" gebildet werden. Auf der Insel sorgt die ganze Debatte weiter für kompletten Ausnahmezustand.

Journalistenteams überrennen Grönlands Hauptstadt

Jana Sinram berichtet als ARD-Korrespondentin aus Stockholm und aktuell aus Nuuk in Grönland. Hier leben rund 20.000 Menschen der insgesamt 56.000 Einwohner des Landes. Sie sagt, dass es kaum noch möglich sei, Menschen spontan auf der Straße anzusprechen. Die enorme Medienpräsenz in der kleinen Hauptstadt überfordere die Menschen.

"Die Aufmerksamkeit ist wichtig für sie, aber andererseits sagen sie, sie ist total überfordernd und überwältigend."
Jana Sinram, ARD-Korrespondentin im Studio in Stockholm

In Nuuk sind derzeit schätzungsweise 600 Journalistenteams aus aller Welt vor Ort. Die Bevölkerung ist hin- und hergerissen: Einerseits wird die Aufmerksamkeit als wichtig empfunden, andererseits fühlen sich viele Menschen davon überfordert und überwältigt und können kaum noch damit umgehen.

Grönland will nicht Teil der USA sein

Um mit den Menschen überhaupt ins Gespräch zum kommen, sei Vertrauen wichtig. Durch frühere Drehreisen hat Jana bereits persönliche Kontakte aufgebaut, was ihr jetzt hilft. Sie hat viel telefoniert und ihre Absichten erklärt: "Dass eben nicht immer nur über Grönland gesprochen wird, sondern eben mit den Menschen", sagt sie.

"Sie wollen nicht Teil der USA sein und es wird einfach nicht gehört."
Jana Sinram, ARD-Korrespondentin im Studio in Stockholm

Die Stimmung in Grönland ist extrem angespannt und die aktuelle Situation belastend, so die Korrespondentin. Die Menschen fühlen sich machtlos. Jana berichtet von einer jungen Frau, die im Gespräch beinahe geweint habe – nicht aus Angst vor militärischer Bedrohung, sondern weil die klare Haltung der Bevölkerung, Grönland sei nicht käuflich und wolle nicht zu den USA gehören, nicht gehört werde.

EU spielt nur Nebenrolle

Die EU spielt für viele Menschen in Grönland aktuell keine zentrale Rolle. Zwar gibt es Aufmerksamkeit und Dankbarkeit für die klare europäische Haltung, doch konkrete Erwartungen an Hilfe oder Schutz durch die EU bestehen kaum, so Jana. Im Mittelpunkt stehe vielmehr die Frage nach dem Verhältnis zu Dänemark, mit dem die grönländische Regierung derzeit geschlossen auftritt.

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Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen macht deutlich, dass das Land nicht von den USA regiert werden wolle und sich im Notfall für Dänemark entscheide. Langfristig streben fast alle Grönländer aber eine Unabhängigkeit an, erklärt Jana. Uneinigkeit besteht nur über das Tempo. Historische Erfahrungen prägen die Debatte: Während die dänischstämmige Bevölkerung eher zu Dänemark tendiert, wollen die Inuit nach einer schmerzhaften Kolonialgeschichte mehr in Richtung Unabhängigkeit, lehnen aber einen Anschluss an die USA klar ab.

Grönland und die EU – Zeit für ein europäisches Gegenzeichen

Angesichts der US-Ansprüche auf Grönland mehren sich Stimmen, die von Europa ein stärkeres Engagement fordern. Andreas Raspotnik, Direktor am High North Center for Business and Governance an der Nord Universität in Bodø, Northern Norway. Der Arktisexperte schlägt gemeinsam mit Ex-Vizekanzler Robert Habeck in einem Beitrag im Guardian vor, Grönland zügig eine EU-Mitgliedschaft anzubieten.

Raspotnik begründet den Vorschlag mit einer fehlenden sichtbaren europäischen Reaktion auf die Entwicklungen rund um Grönland. In der öffentlichen Debatte fehle eine klare europäische Vision. Es brauche eine Idee, wie sich die EU strategisch zu Grönland positionieren und Verantwortung in der Arktis übernehmen wolle.

EU-Arktispolitik seit 2008

Die Idee knüpfe an die bestehende Arktispolitik der EU an, die es seit 2008 gibt und die 2026 aktualisiert werden soll. Derzeit können Mitgliedstaaten ihre Vorstellungen einbringen, wie sich Europa in der Arktis positionieren will, so Andreas Raspotnik.

Eine schnelle EU-Mitgliedschaft Grönlands sei zwar schwierig umzusetzen, wichtig sei vor allem das Signal: Europa habe politische Konzepte, wirtschaftliche Stärke und einen großen Binnenmarkt anzubieten – gerade in einer Zeit, in der sich die USA aus globaler Führungsverantwortung zurückziehen.

"Wir sind Europa, wir haben auch einiges anzubieten."
Andreas Raspotnik, Direktor am High North Center for Business and Governance an der Nord Universität in Bodø, Northern Norway

In den 1980er-Jahren entschied sich Grönland, die damalige Europäische Gemeinschaft zu verlassen – vor allem aufgrund von Streitigkeiten um Fischereirechte. Welches Interesse hätte das Land, wieder Mitglied der EU werden zu wollen? Gar keins, sagt Andreas Raspotnik. Der damalige Austritt wirke nach, und viele Menschen streben zunächst Unabhängigkeit an. Statt realer Beitrittschancen solle Europa erst mal ein Angebot formulieren.

Geopolitik in der Arktis – Europa steht vor Strategiedebatte

Andreas Raspotnik sieht die Debatte um Grönland und die USA als Chance für die EU, ihre Arktispolitik zu überdenken. Dabei sollte die aktuelle geopolitische Lage berücksichtigt werden, um Europas globale Position und strategische Interessen in der Arktis klarer zu definieren.

Er kritisiert, dass es bisher nur vereinzelte Statements von Regierungschefs gab, während auf supranationaler Ebene wenig geschieht. Raspotnik hinterfragt, ob die Arktis tatsächlich uninteressant ist, es an Selbstvertrauen fehlt oder institutionelle Hindernisse bestehen – dies müsse bei der Aktualisierung der EU-Politik dringend bedacht werden.

In Grönland ist man sich einig: Das Land will sich nicht von den USA einverleiben lassen. Viele Menschen kritisieren das Verhalten der USA als destruktiv, sagt die ARD-Korrespondentin. Eine junge Frau habe erklärt, dass der natürliche Weg langfristig Unabhängigkeit und dann freiwillige wirtschaftliche Kooperation mit den USA gewesen wäre. Durch das aktuelle Vorgehen der USA sei jedoch jegliches Vertrauen zerstört.

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Shownotes
Machtpoker um Grönland
Wie die EU aktiv werden könnte
vom 14. Januar 2026
Moderration: 
Rahel Klein
Gesprächspartnerin: 
Jana Sinram, ARD-Korrespondentin im Studio in Stockholm
Gesprächspartner: 
Andreas Raspotnik, Direktor am High North Center for Business and Governance an der Nord Universität in Bodø, Northern Norway