• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Das Thema "Lebensqualität" spielt in der Medizin erst seit wenigen Jahrzehnten eine wichtige Rolle. Zuvor ging es Mediziner*innen vorrangig darum, Kranke zu heilen und so ihr Leben zu verlängern, sagt Medizinhistoriker Pascal Germann. Im Hörsaal hören wir dazu noch zwei weitere Vortragende.

Erst in den 1970er-Jahren wurde die "Lebensqualität" zu einem zentralen Kriterium. Ab diesem Zeitpunkt ließen sich medizinische Therapien, die Wirkung von Medikamenten und gesundheitspolitische Programme bewerten. Vorher war das anders. Nach Aussage des Historikers Pascal Germann ging es den Ärztinnen und Ärzten bis dahin nur darum, Kranke zu heilen und möglichst lange vor dem Tod zu bewahren.

"Traditionell waren das Überleben und die Heilung des Patienten die einzigen Kriterien für medizinischen Erfolg."

Doch schon vorher deuteten sich allmähliche Veränderungen an. Danach – so Nina Mackert von der Universität Leipzig – ließe sich die eigene Gesundheit durch die richtige Ernährung steuern. Körperwaage und Kalorienzählen zogen sowohl in die Medizin als auch in die Privathaushalte ein. Gesundheit konnte plötzlich individuell hergestellt werden, und wer das nicht schaffte, galt als schwacher Charakter.

Den Menschen wurde ihr Einfluss auf die eigene Gesundheit bewusst

Auch wenn es den Begriff "Lebensqualität" im Jahr 1916 noch nicht gab: Der Arzt Robert Rose, der seiner Zeit vorausdachte, habe damals schon publiziert, dass der Mensch selbst Einfluss auf sein Wohlbefinden ausüben könne.

"Entscheidend war, dass Körper nicht länger primär als statisch und göttlich gegeben betrachtet wurden, sondern als veränderbar."

Yvonne Robel von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg stellt die Frage, ob Faule länger leben. Dahinter steckt der Gedanke, dass Faule wenig Energien verbrauchen und auch nicht gesundheitsschädlichem Stress ausgesetzt sind. Andererseits galten Faulenzer in der Gesellschaft zu bestimmten Zeiten uch als arbeitsscheu und daher als behandlungsbedürftig.

"Aus unfreiwilligem Nichtstun schien eine breite Palette an Krankheiten zu erwachsen - bis hin zu Asthma, Gicht, Haut- oder Herzkrankheiten."

Der Vortrag

Pascal Germann, Nina Mackert und Yvonne Robel haben auf dem 53. Historikertag in München gesprochen. Vom 5. bis 8. Oktober 2021 tauschte sich ein Teil der Wissenschaftler*innen über die Frage aus: "Und das soll gesund sein? Deutungskämpfe um Gesundheit 1850-2000".

Der Oberassistent und Historiker Pascal Germann von der Universität Bern hat zu dem Thema vorgetragen: "Gesundheit als Lebensqualität. Zum Aufstieg eines neuen Deutungsmusters in Medizin und Gesellschaft, 1960-2000."

Die Historikerin Nina Mackert von der Universität Leipzig befasste sich mit "Eat your Way to Health. Zur Entstehung von Gesundheit als Fähigkeit in den USA des frühen 20. Jahrhunderts" und die Kulturwissenschaftlerin Yvonne Robel von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg mit "Leben Faule länger? Diskurse über gesundheitliche Folgen von Müßiggang und Nichtstun seit den 1960er-Jahren".

  • Hörsaal
  • Moderator:  Hans-Jürgen Bartsch
  • Vortragende:  Pascal Germann, Oberassistent am Institut für Medizingeschichte an der Universität Bern; Nina Mackert, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig; Yvonne Robel, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg