Er personifiziert den Überwachungsstaat und das Unrechtssystem der DDR. Verurteilt wurde Erich Mielke für etwas anderes. Und dieser eine verwirrte Satz nach der Maueröffnung ist heute fast sprichwörtlich.

Vier Tage nach Öffnung der Mauer in der Nacht des 9. November 1989 tritt ein greiser Mann ans Rednerpult der DDR-Volkskammer und hält eine verstörende Rede. Sie endet mit dem denkwürdigen Satz: "Ich liebe doch alle Menschen."

Erich Mielke scheint nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein, er wird von den Abgeordneten ausgelacht und verhöhnt, als er behauptet, die Stasi habe einen außerordentlich hohen Kontakt zu allen werktätigen Menschen gehabt. Was er als Kontakt bezeichnet, ist für viele Tausend DDR-Bürger mit Bespitzelung, psychologischer Kriegführung, Zersetzung und teils Jahre langen Haftstrafen verbunden gewesen.

Erich Mielke wird kurz vor Weihnachten 1907 geboren, wächst im roten Wedding auf, tritt als junger Mann dem Kommunistischen Jugendverband und später der KPD bei. Ende der 1920er Jahre wird er arbeitslos und engagiert sich im Roten Frontkämpferbund. Berlin versinkt in diesen Jahren in bürgerkriegsähnliche Zustände mit Straßenschlachten zwischen bewaffneten Banden von rechts und links und der Polizei. Am 9. August 1931 erschießt Erich Mielke zwei Polizisten, wird gemeinsam mit dem späteren DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht steckbrieflich gesucht und flieht nach Moskau.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs steigt er zum Chef des Ministeriums für Staatssicherheit auf. Erich Mielke ist verantwortlich für Tausende unschuldig verfolgter Menschen, deren Vergehen darin bestand, den Staat zu kritisieren oder das Land verlassen zu wollen. Als er Anfang der 1990er Jahre vor Gericht gestellt wird, geht es aber nicht um seine Verbrechen als Stasi-Chef, sondern um die Morde an den beiden Berliner Polizisten im Sommer 1931.

Auf der Anklagebank sitzt ein in sich zusammengesunkener alter Mann mit Hut, der die Welt um sich herum nicht versteht und in seinen wenigen Äußerungen während des Prozesses keinerlei Einsicht oder Reue zeigt.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der Historiker und Buchautor Jens Giesecke beschreibt Erich Mielke als "Revolverheld" und "Obersten DDR-Tschekisten".
  • Marita Kupler ist in Konflikt der mit Stasi geraten und war 1989/90 Mitglied des "Runden Tisches" und der Arbeitsgruppe zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit.
  • Der Berliner Verfassungsschützer Helmut Müller-Enbergs gibt einen Einblick über die Arbeit der Stasi in der Bundesrepublik Deutschland.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld skizziert den Lebensweg Erich Mielkes von der Weimarer Republik zur DDR.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Grit Eggerichs erinnert an den Mord an zwei Berliner Polizisten im Sommer 1931.
Live aus Gießen
Die Podiumsdiskussion mit Helmut Müller-Enbergs, Berliner Verfassungsschützer, Jens Gieseke, Stasi-Experte vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam sowie Grit Eggerichs und Matthias von Hellfeld aus dem History-Team. Moderiert von Markus Dichmann.
In diesem Beitrag enthaltene Kapitel:
  • Matthias von Hellfeld
  • Grit Eggerichs
  • Jens Giesecke
  • Marita Kupler
  • Helmut Müller-Enbergs
  • Eine Stunde History
  • Moderator:  Markus Dichmann
  • Gesprächspartner:  Matthias von Hellfeld, Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte