Wo geht die Sonne auf? Welche Früchte wachsen im Wald? Fragen wie diese können zunehmend weniger Jugendliche beantworten. Stattdessen neigen sie zu pseudoreligiöser Naturverklärung.

Für den jüngsten Jugendreport Natur wurden 1253 Sechst- bis Neuntklässler aus Nordrhein-Westfalen befragt - und im Vergleich zu vorherigen Befragungen sieht man deutlich: Die haben keine Ahnung.

"'Im Osten' wusste nur ein Drittel. Vor sechs Jahren waren es noch fast zwei Drittel. Ein Fünftel sagte: 'Die Sonne geht im Norden auf." Da ist sie aber nie."
Britta Wagner, DRadio Wissen

In der Studie selbst heißt es dazu: "Besonders bizarr ist die Verlagerung des Sonnenaufgangs nach Norden, was darauf hindeutet, dass die junge Generation kaum noch eine Vorstellung davon hat, wie Tag und Nacht als Folge der Erddrehung um die Nordsüdachse entstehen." Weiteres Wissen zur Natur, das abgefragt wurde, ist zum Beispiel: "Nenne drei essbare Dinge, die im Wald oder am Waldrand wachsen." Banane ist es nicht, wurde aber genannt - genau wie Kokosnuss.

Die Natur wird zunehmend verklärt und idealisiert

Laut Studie sind die Jugendlichen aber durchaus noch in der Natur unterwegs. Drei von fünf Befragten halten sich mindestens einmal im Monat im Wald auf. Aber aus der Studie kann man ablesen, dass die Entfremdung größer wird - und scheinbar auch die Angst: Inzwischen würde weniger als ein Drittel gern allein durch den Wald gehen, vor zehn Jahren war das noch mehr als die Hälfte.

"Landkinder wissen mehr über die Natur. Sie haben auch mehr Berührungspunkte. Aber auch in ländlichen Gebieten gibt es Eltern, die ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt in die Natur raus lassen."
Britta Wagner, DRadio Wissen

Die Forscher warnen vor möglichen Folgen. Beispielsweise entsteht ein verklärtes Bild von der Natur und vom Wald. Das ist bekannt als "Bambi-Syndrom" - nach dem Motto "Der Mensch ist böse" und "Die Natur ist immer gut". Eine "pseudoreligiöse Naturverklärung", wie es die Macher der Studie nennen, stellen sie aber schon seit Beginn der Befragung 1997 fest:

"Das ging einher mit einer ausgeprägten Neigung zur Vermenschlichung von Tieren und Pflanzen, einem fürsorglichen Helfersyndrom gegenüber einer allseits als bedroht empfundenen Natur und der Denunzierung 'des Menschen' als eigentlichen Störenfrieds - ein dämonisches Bild, wie es etwa in der Erzählung vom hilflosen Kitz 'Bambi' seit Jahrzehnten immer wieder heraufbeschworen worden ist."