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Vornamen, um den richtigen Buchstaben zu erklären, werden bald durch Städtenamen ersetzt. Das hat auch mit deutscher Geschichte und den Nationalsozialisten zu tun. Hinzu kommen fehlende Möglichkeiten, Diversität abzubilden.

Wer einen Namen oder andere Begriffe buchstabieren muss, nutzt häufig Vornamen, zum Beispiel: R wie Richard, A wie Albert, L wie Ludwig. Aber auch "N wie Nordpol" war seit 1934 bis vor kurzem Teil der Buchstabiertafel. Vor 1934 stand für den Buchstaben N der jüdische Name Nathan. Die Nationalsozialisten ersetzten diesen Namen dann durch das Wort "Nordpol". Manche Menschen sehen darin ein Problem. Zum einen, weil der jüdische Name ersetzt wurde und zum andern, weil der Nordpol für die Nationalsozialisten eine Bedeutung hatte: Sie glaubten nämlich, dass die Arier vom Nordpol stammen.

Der Antisemitismus-Beauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume, hat sich vor zwei Jahren an das Deutsche Institut für Normung (DIN) gewandt und darauf hingewiesen. Hinzu kommt: Die deutschen (überwiegend männlichen) Vornamen können die gesellschaftliche Diversität nur schlecht abdecken.
"Die Tafel ist in Teilen ein Relikt der Nazizeit. 1934 haben die Nationalsozialisten damals alle jüdisch klingenden Namen mit anderen Namen ersetzt – etwa: aus D wie David wurde Dora, aus N wie Nathan wurde Nordpol."
Minh Thu Tran, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Das DIN hat sich deshalb ein neues System ausgedacht: Buchstaben werden nicht mehr mithilfe von Vor-, sondern mit Städtenamen erklärt, zum Beispiel:

  • A wie Augsburg
  • K wie Köln
  • M wie München
  • R wie Regensburg

Für Ypsilon hat sich wohl keine Stadt gefunden, auch das SZ, also das scharfe ß und die Umlaute Ä, Ö und Ü haben keine Übersetzung auf der nach DIN 5009 genormten Buchstabiertafel.

Die Ende Juli vorgestellte Fassung mit den Ortsnamen ist ein Entwurf. Interessierte können sich mit Ideen und Kommentaren an das Deutsche Institut für Normung wenden. Die endgültige Fassung wird Mitte 2022 erwartet.

Chance fürs Stadtmarketing?

Dass 26 Städte - bekannte wie unbekannte Städte (Iserlohn, Quickborn) - in eine Liste aufgenommen werden, die erstens genormt und zweitens im Alltag häufig gebraucht wird, kann vor allem für die unbekannten Städte eine Chance sein.

Der Marketing-Professor Karsten Kilian von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt kann sich vorstellen, dass Städte dadurch bekannter werden. Er würde ihnen aber nicht empfehlen, ihre Marketingstrategie darauf aufzubauen: Sich darauf zu berufen, in der Buchstabiertafel aufgeführt zu sein, sei dann doch zu wenig, um einer Stadt Profil zu geben.

Karsten Kilian, Professor für Marketing an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Das ganze Gespräch hier im Audio:
"Wenn die Städte in der Buchstabiertafel auftauchen, wird man sie in den Mund nehmen und sich fragen: Wo liegen die eigentlich?"