Es hat sich einiges geändert im Hause Messer: neues Album, neue Bandmitglieder und zum ersten Mal ein Song, bei dem es ganz unvernebelt um Politik geht.

Ihr letztes Album, "Die Unsichtbaren" erschien vor drei Jahren. Jetzt gibt es endlich eine neues: "Jalousie". Also ein guter Zeitpunkt, um sich mal wieder mit der Band Messer zu unterhalten. Es ist einiges passiert: Gitarrist Pascal Schaumburg hat die Band verlassen, Milek hat übernommen. Außerdem gibt es mit Manuel Chittka ein neues festes Bandmitglied.

Verändert hat sich aber auch, wie Messer heute Musik schreiben. Neue Instrumente, neue Vorstellungen von Sound - all das ist in einem Topf gelandet und am Ende ist das herausgekommen, was jetzt auf "Jalousie" zu hören ist. Der Fokus liegt nicht mehr auf der Energie der Songs, sondern mehr auf Stimmung und Atmosphäre. Eine Entwicklung für eine Band, die vom Punk geprägt wurde. Aber weil die Bandmitglieder mittlerweile auch andere Musik hören, kann und darf man das natürlich auch hören.

"Auch wenn es Momente gibt, in denen Glück und positive Erfahrungen formuliert werden, bedeutet das nicht, dass aus dem Blick gerät, wie der Zustand der Welt ist."
Hendrik Otremba, Messer

Sie lassen Dunkelheit zu, auch weil die Welt gerade aus den Fugen geraten sei. Messer trauen sich aber auch, positive Dinge zu formulieren. Grundsätzlich sehen Messer ihre Musik nicht als Transportmittel für Botschaften. Politische Sensibilität könne aber ein Antrieb fürs Musikmachen sein und dabei helfen, sich einer gewissen Drastik anzunähern.

Henning ist gleichzeitig Dozent an einer Fachhochschule und bringt seinen Schülern kreatives Schreiben bei. Er ist also mit Verfahren wie Écriture Automatique vertraut. Für seine eigene Songtexte setzt er sich aber lieber mit konkreten Anlässen auseinander. Den einen Trick, um einen guten Songtext zu schreiben, hat er nicht im Angebot. Oft gerät er an einem Punkt, an dem es ihm wichtig ist, bestimmte Dinge gerade nicht zu verstehen. Er will also keine Intention vermitteln, die unbedingt verstanden werden muss.

"Mir ist es wirklich ein Anliegen, dass ich etwas erschaffe, das eine gewisse Uneindeutigkeit behält, damit Menschen bei sich selber suchen und sich darin finden."
Hendrik Otremba, Messer

Es gibt aber auf dem Album auch Songs wie "Schwarzer Qualm", bei dem es ganz eindeutig um Flüchtlinge geht. Eine Ausnahme, wie Henning erzählt. Normalerweise gelte bei Messer-Songs: Es kann eine politische Perspektive geben, die kann sich aber auch in der Drastik eines Sounds statt über den Text transportieren. Bei "Schwarzer Qualm" war das anders: Als Henning hörte, wie viele Menschen im Mittelmeer ertrinken, spürte er eine Verantwortung, sich hinzusetzen und genau darüber zu schreiben. Und dabei begab er sich ganz bewusst auf dünnes Eis. Zum ersten Mal war er bereit dafür, sich lesbarer und direkter zu einem Thema zu äußern.

"Ein Wort wie 'Deutschland' - so etwas Konkretes hätte ich früher nie in einen Text packen können."
Hendrik Otremba, Messer

Auch Bassist Pogo McCartney war klar: Zum Thema Flüchtlinge muss die Band etwa sagen. Einfach weil wir in Deutschland wie in Watte gepackt lebten. Und die Politiker der Europäischen Union nahezu tatenlos zusähen und die Katastrophe geschehen ließen. Musik ist für ihn in diesen Zeiten also ein gutes Ventil, um das Unerträgliche auszuhalten. Für Henning ist bei allem politischen Engagement aber wichtig: Er will keine Songs schreiben, nach dessen Hören für den Zuhörer das Gefühl entsteht: Das Thema ist für mich abgehakt. Er will für Irritationen sorgen - damit wir uns unsere eigenen Gedanken machen müssen.