Die jungen Menschen in China lehnen das System aus Leistungsdruck, harter Arbeit und Überstunden ab. Sie lassen ihre Arbeit wortwörtlich ruhen und praktizieren Tangping: Sie tun nichts. Was die Jugend Chinas als Protest versteht, ist der Regierung ein Dorn im Auge.

Sie wollen einfach entspannen, abhängen und die Füße baumeln lassen. Junge Chinesinnen und Chinesen möchten "flach liegen", so übersetzt sich wortwörtlich der Begriff "Tangping" aus dem Chinesischen. Über das Flachliegen gibt es Memes, Postings und Lieder in den chinesischen sozialen Netzwerken.

Tangping ist mehr als ein Wunsch nach mehr Zeit für sich: Es ist ein stiller Protest der jungen Generation gegen den Leistungsdruck, der in der Gesellschaft vorherrscht.

Tangping als stiller Protest

Vor allem die Generation Z, also diejenigen, die zwischen 1995 und 2003 geboren sind, möchten nicht mehr im Wettbewerb um die besten Noten, den besten Abschluss, den besten Job mitmachen. Die Konkurrenz in der Bildung ist groß und nimmt zu, beobachtet Li Shan. Die Ende-20-Jährige lebt in Wuhan, ist in der Verwaltung angestellt und arbeitet auch als freiberufliche Journalistin. Auf ihren Wunsch haben wir ihren Namen geändert.

Damit ihr Lebenslauf so gut wie möglich ist, nehmen die Schülerinnen und Studenten in China viel auf sich, erklärt sie. Neben ihren Hausaufgaben würden sie sich an AGs beteiligen, an Wettbewerben teilnehmen und zusätzlich jobben gehen.

"Die Schüler*innen und Studierende haben sehr viel zu tun. Alle wollen nach oben."
Li Shan, lebt in Wuhan

Laut des Bildungsministeriums in Peking machen neun Millionen Chinesinnen und Chinesen in diesem Jahr ihren Abschluss an eine Hochschule – noch nie war die Zahl so hoch.

Einige von ihnen zweifeln allerdings daran, inwiefern sich ihre Mühe auszahlt und ihnen später beruflichen Erfolg garantiert. Wegen der Corona-Pandemie sind weniger Menschen in den Beruf eingestiegen. Für sie hat sich die Hoffnung, durch eine gute Bildung einen besseren Job zu finden, nicht bewahrheitet.

Arbeit nicht als Lebensmittelpunkt

Auf der anderen Seite vermissen diejenigen von ihnen, die mittlerweile im Arbeitsalltag angekommen sind, einen Ausgleich zwischen ihrer Arbeit und Freizeit, sagt Li Shan. In einigen Jobs sind lange Arbeitszeiten und Überstunden der Regelfall: Sie arbeiten an sechs Tagen in der Woche von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends. Als Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger ist ihr Gehalt trotz der harten Arbeit gering. Besonders in den Metropolen wie Schanghai und Peking verschärfen teure Mieten und andere hohe Lebenshaltungskosten das Problem zusätzlich.

Junge Chinesinnen und Chinesen haben deshalb keine Lust mehr auf den Leistungsdruck und versuchen, selbstbestimmte Wege zu gehen wie die 29-jährige Lu. Sie ist nach ihrem Studium in Deutschland geblieben, weil sie kein Teil die Überstundenkultur seien wollte. Auch ihren Namen haben wir geändert.

Die Menschen in China befinden sich in einem Teufelskreis, den das Konkurrenzdenken anfeuert. Das bedeutet: Macht eine Person Überstunden würden alle anderen mitziehen. Durch die Tangping-Bewegung könnten sie gemeinsam dagegen angehen, findet Lu.

"Wenn eine Person Überstunden macht, machen das alle, weil die Konkurrenz auch in den Firmen hoch ist. Das ist aber gesundheitsschädlich und niemand hat etwas davon."
Lu, kommt aus China und lebt mittlerweile in Deutschland

Ihnen gegenüber steht die chinesische Regierung. Sie ist kein Fan des Flachliegens und hat den Hashtag zur Bewegung als auch Beiträge über Tangping in Foren zensiert. Auch die regierungstreue Zeitung Guangming Daily spricht davon, dass die Gemeinschaft des Flachliegens die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes behindere.

Tangping-Bewegung trotz Zensur

In der Generation Z geht es trotz Zensur weiter um Tangping. Li Shan kann sich aber nicht vorstellen, dass sie alle ein Leben von Aussteigern führen werden. Beim Flachliegen geht es auch darum, für eine Zeit innezuhalten, erklärt sie, um dann wieder selbstbestimmt und motiviert weiterzumachen.

"Flach zu liegen, muss nicht etwas Negatives sein. Es drückt einen Wunsch aus. Ich habe durch das Flachliegen herausgefunden, was ich wirklich möchte, ohne dass mir jemand sagt, was ich machen soll."
Li Shan, lebt in Wuhan