Nach einem Brexit könnte sich einiges ändern. Die Grenze zwischen Nordirland und Irland wird plötzlich zur Außengrenze der EU. Und auch die Gewalt könnte wieder aufflammen.

Irland und Nordirland - das hieß jahrzehntelang Katholiken gegen Protestanten - die Rebellen der Untergrundorganisation IRA gegen den Verbleib im Königreich. Jetzt hat Nordirland mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt, Großbritannien mehrheitlich dafür.

Vielleicht ist das eine neue Chance für eine Annäherung von Irland und Nordirland. Weil Irland Mitglied der EU ist und die Nordiren gerne Mitglied bleiben würden. Vielleicht gibt es wegen des Brexits aber auch mehr Spannungen. Genau das befürchtet Leon Kohl. Er studiert seit drei Jahren in Dublin und schreibt für viele Publikationen über Irland und den Friedensprozess. Die Situation in Nordirland sei weiterhin nicht einfach, das Land tief gespalten. In protestantische Unionisten, die Teil des Vereinigten Königreiches bleiben wollten, und katholische Nationalisten und Republikaner, die sich als Teil Irlands sehen.

Eine neue EU-Außengrenze

Nach dem Brexit-Referendum hat das nationalistische Lager in Nordirland zwar ein Referendum über eine Vereinigung mit Irland gefordert. In Umfragen gibt es dafür allerdings weiterhin keine Mehrheit. Einiges könnte sich an der Grenze zwischen Nordirland und Irland ändern, die zurzeit kaum spürbar ist, erzählt Leon Kohl. Jeder kann sie also ohne Grenzkontrollen überqueren und im Grenzgebiet in vielen Geschäften sowohl mit Britischem Pfund als auch mit Euro zahlen. Insgesamt also eine relativ versöhnliche Zeit für alle Nordiren, die gerne Teil Irlands wären. Das könnte sich allerdings ändern, wenn aus der inneririschen Grenze eine EU-Außengrenze würde - mit Zoll- und Grenzkontrollen. Eine Aussicht, die bei irischen Nationalisten für wenig Begeisterung sorgt.

Dazu müsst ihr wissen: Zu Hochzeiten des Nordirlandkonflikts war die Grenze zwischen Nordirland und Irland für viele Menschen ein Zeichen für Unterdrückung und für die britische Besatzung. Die Kontrollen durch britische Soldaten empfanden viele als Schikane, sagt Leon Kohl. Jetzt fürchten Nationalisten, dass diese Zeiten zurückkommen oder zumindest, dass es für sie schwieriger wird, in die Republik Irland zu reisen und dort Handel zu treiben.

"Eine Wirtschaftskrise, die durch einen Brexit ausgelöst werden könnte, könnte Nordirland destabilisieren."
Leon Kohl, schreibt für viele Publikationen über Irland und Friedensprozess

Neben dem Nationalgefühl der Iren hat der Brexit für die Iren also auch eine wirtschaftliche Komponente. 25 Prozent aller nordirischen Exporte gehen zurzeit an die Republik Irland; weitere 20 Prozent gehen in die EU. Nordirland ist eine der wirtschaftlich schwächsten Teile des Vereinigten Königreichs mit verhältnismäßig hoher Arbeitslosigkeit. Die Region könnte also besonders negativ vom EU-Austritt betroffen sein. Auch weil Nordirland in den vergangenen Jahren viele Fördergelder aus der EU bezogen hat. Ein Grund, warum radikale Gruppen weniger Zulauf von hoffnungslosen Nordiren ohne Perspektive hatten.