Mit Schwimmen im Freibad hat André Wiersigs Hobby nichts zu tun: Er will die Ocean’s Seven schaffen - also sieben Meerengen weltweit durchschwimmen. Dabei ist er ohne Schutzanzug im Wasser, bis zu 18 Stunden am Stück, ein Beiboot begleitet ihn.

"Ocean's Seven" - das ist für Extremschwimmer das, was für Bergsteiger die "Seven Summits" sind: Eine Herausforderung der besonderen Art. André Wiersig hat sie für sich angenommen. Fünf der sieben Schwimmlangstrecken hat er bereits gemeistert: Er hat den

  • Ärmelkanal
  • Kaiwi-Kanal
  • Nordkanal
  • Santa-Catalina-Kanal
  • und die Tsugaro-Straße durchschwommen.

Oft ist er dabei mehr als zehn Stunden am Stück im Meer.

Grenzerfahrung im Meer

Für die rund 41 Kilometer des Kaiwi-Kanals auf Hawaii brauchte er am längsten: Achtzehneinhalb Stunden war er im Wasser - viel länger als geplant. Sechs Kilometer vor der Küste von Oʻahu geriet er plötzlich in eine starke Strömung. "Da bin ich praktisch auf der Stelle geschwommen", sagt er. Pro Stunde ging es nur noch rund 100 Meter vorwärts. "Das kann einen mental zermürben." Dazu kamen meterhohe Wellen. "Man muss dann halt da durch", meint André Wiersig. Sonst wären die ganze Vorbereitung und die ganze bisherige Anstrengung umsonst gewesen.

"Man schwimmt volles Programm, wie auf einem Laufband, das gegen einen läuft - und kommt nicht voran."
André Wiersig, Extremschwimmer

Off-Shore-Swimming hat mit dem Schwimmen, wie die meisten von uns es kennen, nichts zu tun. Um seine Ziele zu erreichen, trainiert André Wiersig jahrelang. Jede Durchquerung wird genau geplant. Und wenn sie dann einmal viel länger dauert, so wie auf Hawaii, dann geht es nicht nur körperlich an die Grenzen, sondern auch mental.

Überstunden im Wasser

Im Kaiwi-Kanal wurde zusätzlich auch noch das Essen knapp. Zum Glück, meint André Wiersig, wurden einzelne Mitglieder der Crew so seekrank, dass sie nichts mehr essen konnten. "Das habe ich dann aufgegessen". So haute die Sache mit den Überstunden im Wasser doch noch hin.

"Ich kann ja nicht wie bei einem Radausflug mal eben an einer Tanke anhalten und paar Colas nachkaufen."
André Wiersig, Extremschwimmer

In der Regel nimmt André Wiersig während seines stundenlangen Schwimm-Marathons nur flüssige Nahrung zu sich - die ist sehr kalorienreich und wird ihm vom Beiboot aus mit einem Netz gereicht. "Die ganze Kiefermuskulatur ist eingefroren, man ist gar nicht in der Lage zu kauen", sagt er.

Die Nahrung wird mit einem Netz gereicht, denn Extremschwimmer dürfen das Boot nicht berühren.

Beiboot und Crew sind die ganze Zeit an der Seite des Schwimmers. Meist sind erfahrene Fischer dabei, berichtet André Wiersig. Und er ist auf sie angewiesen - denn bei Nacht, kilometerweit von der Küste entfernt, würde er den Weg nicht finden.

"Das Beiboot übernimmt die gesamte Navigation - denn da, wo ich rumschwimme, sieht man auch zu keiner Seite irgendein Land."
André Wiersig, Extremschwimmer

Rein ins eiskalte Nass

Jede Kanal-Durchquerung hat ihre eigenen Tücken: Waren es auf Hawaii die Wellen und die Strömung, so war es beim Ärmelkanal oder dem Nordkanal die Wassertemperatur: Auch im Hochsommer wird das Wasser im Nordkanal zwischen Schottland und England nicht viel wärmer als 12 Grad. "Da muss man sich vorbereiten, das ist Todeszone", sagt André Wiersig. Jahrelang hat er zur Vorbereitung deshalb eiskalt geduscht. Neoprenanzüge sind nämlich bei den Seven Ocean's untersagt. Weil Matthew Webb, der 1875 als erster Mensch den Ärmelkanal durchschwamm, auch keinen Anzug hatte.

"Ich habe in Vorbereitung auf den North-Channel und den Ärmelkanal jahrelang ausnahmslos kalt geduscht."
André Wiersig, Extremschwimmer

Übrigens: Extremschwimmen ist "jetzt kein Sport, der einen sexy macht", sagt André Wiersig. Wenn man aus dem Wasser kommt, ist man völlig aufgequollen, die Zunge ist vom Salzwasser angegriffen, tagelang schmeckt man nichts. Trotzdem liebt er es, für einige Stunden Teil des Meeres zu sein. Sein nächstes Ziel: die Cookstraße zwischen der Süd- und Nordinsel Neuseelands.

André Wiersig erzählt uns im Gespräch noch viel mehr - beispielsweise, warum es wegen der Haie sinnvoll ist, nachts rauszuschwimmen. Welche Schmerzen die Berührung mit einer Portugiesischen Galeere verursachen. Und dass er sich für uns Menschen für all das Plastik in den Weltmeeren schämt.