Arabischer Frühling, Gezi Park 2013, Occupy - was ist daraus geworden? Haben die Bewegungen, die sich übers Netz organisierten, die Demokratie verändert? Die Soziologin Zeynep Tufekci untersucht, warum der Netzaktivismus verpufft.

Zeynep Tufekci sieht in den sozialen Netzwerken das Potenzial, dass sich Einzelne vernetzen und politisch aktiv werden können. Während des Arabischen Frühlings oder der Gezi-Park-Proteste war sie vor Ort, hat mit Demonstranten gesprochen, Facebook und Twitter ausgewertet, um die Mechanismen und die Dynamik der Wechselwirkung Netz-Straße zu verstehen. Ihre Untersuchung hat sie unter dem Titel "Twitter and Teargas - The Power and Fragility of Networked Protest" veröffentlicht.

Zeynep Tufekci beschreibt die Entwicklung von dem anfänglichen Enthusiasmus der Bewegungen - den sie durchaus selbst hatte - hin zum kompletten Einschlafen der Aktionen. Sie sieht Social Media als Helfer, um Proteste zu organisieren.

Was dann fehlt, ist die Übersetzung einer Bewegung in politische Strukturen: regelmäßige Treffen, Meinungsbildung, Abstimmungsprozesse, interne demokratische Regeln, Kommunikation nach innen und außen, Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen - kurz: das Handwerk des Politik-Geschäfts. Ohne das verpuffen die Aktionen als Aktionismus.

Von der Bewegung zur Organisation - aber wie?

Warum fällt es den Bewegungen so schwer, diese Strukturen aufzubauen? Die Soziologin sieht eine Ursache darin, dass repressive Regierungen relativ schnell mit Gegenstrategien reagieren und beispielsweise die Netz-Kommunikation blockieren, zensieren oder überwachen. Oder sie rüsten selbst nach in Sachen Social Media und kommunizieren gegen die Proteste und Angriffe mit "Fake News", Bots oder Trollfarmen.

Unpolitische Mehrheit

Aber da, wo Bewegungen nicht behindert werden, bleibt die Frage, warum es nicht gelingt, eine dauerhafte politische Kraft daraus zu schmieden. Ein Problem ist, die Netzaktivisten auch im echten Leben zum Handeln zu bewegen. Doch viele schrecken dann vor der Verantwortung zurück.

Deutschlandfunk-Nova-Reporter Michael Gessat vermutet noch einen weiteren Grund: Selbst wenn eine Gruppe es schafft sich zu organisieren, fehle das Echo in der Gesellschaft. Denn die Mehrheit interessiere sich eher weniger für politische Protestbewegungen - weder im Netz noch im wirklichen Leben.

Zeynep Tufekci, in Istanbul geboren, lehrt an der University of North Carolina Soziologie. Bevor sie Soziologin wurde, hat sie als Programmiererin gearbeitet. Die türkische Militärdiktatur hat sie in den 1980er Jahren noch miterlebt.