Viele von uns haben in den vergangenen Monaten die Vorzüge des Homeoffice zu schätzen gelernt. Es kann aber auch Nachteile haben. Beispielsweise können Vorgesetzte die Mitarbeitenden, die sie tagtäglich im Büro sehen, bei Entscheidungen bevorzugen.
Schuld daran ist der "Unconscious cognitive Bias" – ein Denkfehler, eine unbewusste kognitive Verzerrung, die sich beispielsweise aus tief verankerten Stereotypen oder Denkmustern speist. In diesem Fall handelt es sich ganz konkret um den "Proximity Bias". Hier liegt der Denkfehler zugrunde, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die näher an ihren Vorgesetzten oder am Team dran sind, bessere Arbeitskräfte seien. Oft kann das dazu führen, dass diese dann auch mehr Erfolg im Beruf haben.

Ein Beispiel: Wenn die Chefin aus reiner Gewohnheit immer die Mitarbeitenden um Rat fragt, die sie im Büro trifft, speichert sie diese als hilfsbereiter und besser ab, obwohl die Kollegen im Homeoffice vermutlich genauso gute Ratschläge geben könnten.

Die Pandemie hat das Phänomen verstärkt

In Australien und den USA wird dieses Problem schon länger diskutiert, aber spätestens seit der Corona-Pandemie und steigenden Homeoffice-Zahlen, wird es auch bei uns in Deutschland immer mehr zum Thema, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Meike Glass.

Problematisch ist diese Entwicklung vor allem, da es zu einem Ungleichgewicht innerhalb der Mitarbeiterschaft führen kann, wenn diejenigen, die im Homeoffice sind, merken, dass sie anders behandelt werden, als ihre Kollegen vor Ort.

"Wenn die Menschen, die zuhause oder remote arbeiten, das Gefühl bekommen, dass sie quasi nur die zweite Wahl sind, kann auf Dauer ein Ungleichgewicht entstehen."
Meike Glass, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Konservative Unternehmenskulturen sind anfälliger

Anfällig für den "Proximity Bias" sind laut Kim Wlach, Expertin für Unternehmenskultur, die Firmen, die in konservativen und hierarchischen Strukturen arbeiten. Dort werde beispielsweise häufig noch die Einstellung kultiviert, dass man nur gute Arbeit verrichte, wenn man im Büro ist und dieses auch erst spät verlasse. So könne das schnell die Meinung befeuern, dass die Kolleginnen im Homeoffice nicht so produktiv seien wie diejenigen, die vor Ort arbeiten, erklärt Kim Wlach.

Bei jungen moderneren Unternehmen, die auch vor der Corona-Pandemie schon in einem Remote-System gearbeitet haben, sieht Kim Wlach nicht so starke Tendenzen zum "Proximity Bias".

Druck abbauen durch feste Strukturen

Was können Vorgesetzte und Mitarbeitende also tun, um sich von diesem Denkfehler zu befreien? Kim Wlach sieht die Lösung vor allem darin, sich erst mal dieses blinden Flecks bewusst zu werden und die vorherrschenden Vorurteile offen anzusprechen. In einem zweiten Schritt können dann Chefs und Teams aktiv daran arbeiten, die Vorurteile abzubauen.

Helfen kann beispielsweise, dass klar und transparent geklärt werde, wer in welcher Rolle wie zum Unternehmenserfolg beigetragen hat, sagt die Unternehmenskultur-Expertin Kim Wlach. Das führe auch dazu, dass der Druck verloren gehe, dass die Vorgesetzten ihre Mitarbeiter sehen müssen, um zu wissen, dass sie gute Arbeit leisten.
"Je mehr Klarheit und Transparenz ich schaffe, desto mehr schaffe ich auch Sicherheit."
Kim Wlach, Expertin für Unternehmenskultur
Auch ein modernes Führungsverständnis kann dazu beitragen, Vorurteile und negative Gedanken innerhalb eines Unternehmens abzubauen. Wenn Chefinnen beispielsweise ihren Mitarbeitenden mehr Entscheidungen selbst überlassen würden und nicht bei jeder Entscheidung das "Okay" geben wollen, ist es nämlich auch egal, ob der Angestellte gerade im Büro nebenan oder zu Hause in der Küche sitzt.