Gerade bei politischen Haltungen oder wenn es emotional wird, fällt es uns schwer unsere Meinung zu ändern. Bastian Willenborg erklärt, was das mit unserem Selbstwertgefühl zu tun hat und warum wir vor allem Argumente akzeptieren, die unsere Meinung bestätigen.
Wir entwickeln Meinungen nicht nur auf der Basis von Fakten, sondern viele unterschiedliche Dinge fließen dabei mit ein: Erfahrungen, Emotionen, das soziale Umfeld, Medien, Gruppenzugehörigkeiten. Oder Dinge, die wir immer wieder erzählt bekommen.
"Wenn ich immer wieder Sachen erzählt bekomme, kann das meine Meinung beeinflussen."
Sogar Körperzustände können einen Einfluss darauf haben, welche Meinung wir entwickeln, sagt Bastian Willenborg, etwa, wenn wir uns fragen: "Wie geht es mir gerade körperlich in der Situation und dann kommt auch eine Emotion dazu, so ein Gefühl: 'Ok, das klingt richtig, bleibe ich erstmal dabei', oder auch: 'Oh, das ist bedrohlich, das ist falsch, da suche ich mal nach Gegenargumenten.'"
"Meinung gibt so etwas wie Orientierung."
Mithilfe unserer Meinung orientieren wir uns im Leben. Meinung reduziert Komplexität. “De Welt ist halt total komplex geworden und man hat mega viel Information. Du kannst total viele Fakten sammeln. Das schafft ja kaum jemand. Und Meinung hilft denn, dass wir handlungsfähig bleiben”, sagt der Psychiater.
Meinungen spielen aber eine Rolle, wenn es um Zugehörigkeit geht. Verbindungen mit anderen Menschen sind uns wichtig, wir möchten dazu gehören. "Wenn ich dann in einer Gruppe bin, die meine Meinung teilt, dann fühle ich mich dazugehörig", so Bastian Willenborg.
Wir empfinden Denken als anstrengend
Fakten gegeneinander stellen, bewerten und abwägen – das ist aufwändig und kostet und Zeit und Energie. Mithilfe einer Meinung können wir diesen Weg aber auch abkürzen, sagt Bastian Willenborg: "Unser Gehirn arbeitet da ganz viel mit Heuristiken, also mit Theorien, mit Vereinfachungen und wenn wir sowas haben: 'Kenne ich schon, vertraue ich, passt', dann ist es viel einfacher."
Menschen mit einem stabilen Selbstwertgefühl fällt es leichter, einzusehen, dass sie sich geirrt haben. Sie stellen sich dann nicht komplett selbst infrage, sondern nur eine Meinung.
"Nicht ich bin sozusagen falsch, sondern meine Meinung, die ich da hatte. Da habe ich mich einfach geirrt und das kann ich anpassen."
"Andersherum ist es so, wenn du einen fragilen Selbstwert hast, dann kann das ganz häufig als Kränkung erlebt werden", sagt der Arzt.
Besonders bei politischen Einstellungen gilt es als schwer, die Meinung zu ändern. Weil dort Identität, Zugehörigkeit, Moral, Milieu, Freundeskreis oder auch die Medienumwelt mitspielen. "Das hat halt was total identitätsstiftendes und dann sind Gegeninformationen nicht einfach nur Informationen oder Fakten, sondern dann wird das gleich als Angriff gewertet und dann macht es das total schwer, da Meinung zu verändern", so Willenborg.
Confirmation Bias
Der sogenannte Confirmation Bias bedeutet: Wir suchen eher nach Informationen, die das bestätigen, was wir bereits annehmen. “Das hat zum Beispiel zur Folge, dass wir Quellen eher glauben, wenn sie unsere Meinung bestätigen." Wenn wir aber Quellen finden, die ein anderes Argument nennen, sind wir ihnen gegenüber kritisch.
Bastian Willenborg sagt, um diesen Confirmation Bias auszuschalten oder zumindest etwas einzudämmen, könne es helfen, dass man bewusst Gegenargumente sucht, also disconfirming evidence. "Und das ist etwas, was total gut funktioniert, wenn man das machen würde, dass man einfach überlegt, was spricht gegen meine Meinung – und wenn man dafür offen ist."
Für selbstsicher Menschen, die eine Meinungsänderung vielleicht auch positiv betrachten können, etwa nach dem Motto: 'Jetzt habe ich wieder etwas neues dazugelernt' – sei es einfacher. Unsichere Personen hingegen neigen dazu eine Meinungsänderung mit einer persönlichen Niederlage gleichzusetzen, sagt Bastian Willenborg: "Selbstunsichere denken dann vielleicht: 'Scheiße, habe ich nicht hinbekommen, was für ein Idiot bin ich eigentlich, dass ich das nicht gewusst habe?'"
Der Psychiater sagt, bei Meinungsverschiedenheiten können wir am meisten gewinnen, wenn wir uns sagen: "Nicht meine Meinung ist falsch und nicht ich bin falsch, sondern meine Meinung ist eher wie so ein Arbeitszustand gerade und den kann ich verändern."
