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Selbst wenn das Thema Corona abflauen sollte - die Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun warnt davor, die Querdenker in Vergessenheit geraten zu lassen. Es gebe immer noch viele Anhänger, darunter auch gewaltbereite. Und die eine mehr als ihre Haltung zum Virus.

Eigentlich sollten Massen mobilisiert werden. Im Vergleich zum Vorjahr kamen dann aber deutlich weniger Menschen als von Behörden befürchtet und von den Organisatoren gedacht: Rund 5.000 Teilnehmende wurden auf der Querdenken-Demonstration am ersten Augustsonntag in Berlin gezählt.

Querdenken könnten neue Feindbilder etablieren

Trotzdem warnt die Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin Katharina Nocun vor der Schlussfolgerung, es könnte sich erledigt haben mit der Querdenkerbewegung. Selbst wenn Corona für die Gruppierung ausgedient haben sollte, würde sie neue Felder finden. Davon ist die Wissenschaftlerin überzeugt, schließlich seien Verschwörungsideologen besonders gut darin, auf neue Themen umzusatteln.

"Was die Gruppe zusammenhält, ist nicht nur das Thema Corona, sondern vielmehr ein gemeinsames Feindbild. Man ist gemeinsam gegen die da oben."
Katharina Nocun, Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin

Dafür spricht laut Katharina Nocun, dass bei Querdenken nicht nur Gegner der Corona-Politik mitmachen. Von Beginn an seien von radikalen Impfgegnern und Esoterikern über Rechtsextremisten bis hin zu prominenten Verschwörungsideologen alle dabei gewesen.

"Querdenken hatte schon immer Verbindungen zur Reichsbürger-Szene bis in die Führungsgruppe von Querdenken hinein. Das sind Akteure, die ganz andere Ziele haben - bis hin zum Umsturz des Staates, kann man sagen."
Katharina Nocun, Autorin der Bücher "Fake Facts" und "True Facts"

Gewaltbereitschaft sei kein Geheimnis

Damit sei die Gruppierung sehr heterogen. Und sie hat auf Youtube- und in Telegram-Kanälen Tausende Anhänger. Was die Gruppe zusammenhalte: ein gemeinsames Feindbild. Man positioniere sich gegen "die da oben". Selbst wenn sich die Gruppe nicht immer einig sei, wer damit gemeint ist und welche Verschwörung gerade angezettelt werde. Das Problem: Wer überzeugt sei, dass alle Medien, alle Wissenschaftler und alle Politiker unter einer Decke steckten und nur noch drei Youtube-Channels vertraue, der sei nur noch sehr schwer mit rationalen Argumenten zu erreichen.

Dass das gefährlich sei, zeige der Angriff auf den Journalistenvertreter Jörg Reichel bei der Demonstration in Berlin Anfang August. Insgesamt sei das aber nicht neu, sagt Katharina Nocun. Einzelne Akteure wie die Reichsbürger seien schon lange vor Corona von den Behörden als potenzielle Bedrohung eingestuft worden.

"Ich teile auf jeden Fall die Einschätzung, dass ein gewisses Gewaltpotenzial auch aus der verschwörungsideologischen Corona-Leugner-Szene ausgeht."
Katharina Nocun, Autorin der Bücher "Fake Facts" und "True Facts"

Mehr Opfer- und weniger Verfassungsschutz

Die Wissenschaftlerin hält nichts davon, die gesamte Bewegung vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Der Hintergrund: Dafür müssten die Hürden gesenkt werden. Und das könnte perspektivisch dazu führen, dass auch andere Gruppierungen, wie zum Beispiel Klimaproteste, betroffen sein könnten.

Querdenken-Aktionen sollten Polizei bekannt sein

Außerdem seien die Aktionen, zu denen Querdenken aufrufe, in öffentlichen Telegram-Kanälen zugänglich, sagt Katharina Nocun Es brauche also keine verdeckten Maßnahmen, sondern in erster Linie Aufmerksamkeit von Polizei und Sicherheitsbehörden.

Katharina Nocun plädiert allerdings stark dafür, Journalist*innen besser zu schützen, die über die Bewegung berichten. Außerdem spricht sie sich für einen besseren Opferschutz aus. Wer angegriffen oder bedroht wird, stünde damit nicht allein da. Geld in die Hand zu nehmen und in Beratungsstellen zu stecken, sei politisch nicht so beliebt, meint Katharina Nocun, überfällig sei es aber allemal.