Wolfgang Bauer ist Journalist und hat sich die Wege der Flüchtlinge aus nächster Nähe angesehen. Er war mittendrin - auf dem Boot und bei den Schleppern. Seine erste Erkenntnis: am Anfang sind alle nett. Viel erinnert an die Struktur der Tourismusbranche. Aber auf hoher See wendet sich das Blatt.

Es klingt ein wenig befremdlich, wenn Wolfgang Bauer über seine gefährliche Recherche erzählt. Er hat sich undercover von Ägypten aus mit anderen Flüchtlingen auf ein Boot schmuggeln lassen. Weil er wissen wollte, wie das funktioniert. Und was das für Menschen sind, die andere auf ein Boot schmuggeln, um sie außer Landes zu bringen. Und die genau wissen, dass sie damit Menschen in Lebensgefahr bringen. Aber auch für die Schmuggler selber ist es gefährlich. Schließlich wird auch schon das Vermitteln von Fluchtmöglichkeiten bestraft.

"Die Schmuggler an Land sind überwiegend sehr nett. Abgesehen davon, dass sie einen die letzten Meter zum Strand schlagen und prügeln. Weil die selber Angst haben."
Was Wolfgang Bauer über seine Undercover-Recherche erzählt, ist zunächst mal überraschend

Wer einen Platz auf einem Boot ergattern will, der besorgt sich zunächst einen Mittelsmann. Mit diesem Mittelsmann geht es dann zu den Schmugglern. An Land sind alle außerordentlich nett und zuvorkommend. Die Strukturen erinnern an die der Tourismusbranche. Und das hat seinen Grund. Denn das Geld bekommen die Schmuggler zwar zu sehen, gezahlt wird es aber erst, wenn die Flucht geglückt ist. Das heißt, wenn der Flüchtling es auf ein italienisches Marineschiff schafft oder ans italienische Festland. Bis dahin behält der Mittelsmann das Geld.

Ausgeliefert auf hoher See

Sind die Flüchtlinge erst einmal im Boot, ändert sich die Stimmung gewaltig. Denn der Kapitän geht ein wesentlich höheres Risiko ein. Im Falle einer Verhaftung droht ihm eine härtere Strafe als den Mittlern an Land. Außerdem kann jetzt keiner mehr weglaufen oder abspringen. Die Macht über Gedeih und Verderb der Flucht liegt allein beim Kapitän. Und das nutzt er aus. Oft werden die Flüchtlinge als Geiseln genommen. Zum Beispiel, um mehr Geld für die Überfahrt zu erpressen. Auch Wolfgang Bauer wurde von Bord geworfen. Acht Kilometer von der Küste entfernt musste er ins Meer springen. Eine kleine Sandbank, die dunkel im Mondlicht zu erkennen war, sollte seine Rettung sein.

Oft stehen die Skipper der kleinen Zubringerboote stark unter Drogen. Und auch auf den größeren Booten ist es ein Lotteriespiel. Wer Glück hat, erwischt einen Kapitän, der noch nicht komplett dem Rausch verfallen ist. Dann werden die Flüchtlinge gut behandelt. Allerdings nicht aus reiner Nächstenliebe. Es geht auch um das eigene Leben. Wer freundlich zu seinen Passagieren ist, hat am Ende größere Chancen gedeckt zu werden, wenn die italienische Küstenwache kommt.