Jeder fünfte Mensch in Europa leidet einmal im Leben an chronischen Schmerzen, die mindestens sechs Monate lang andauern. Die Pharmakologin Rohini Kuner erforscht den Schmerz und trägt so zur Entwicklung neuer Medikamente bei.

Schon Babys lernen, nicht auf ihre Lippen zu beißen, wenn die ersten Zähne kommen. In diesem Fall ist der Schmerz ein Schutzengel, da er Verletzungen verhindert. Doch allzu schnell kann er auch zum Tyrannen werden, wie die Wissenschaftlerin Rohini Kuner berichtet.

Das passiert beispielsweise bei Amputationen. Oft berichten Betroffene von sogenannten Phantomschmerzen. Ärzte können das teilweise nicht zuordnen, weil es um Körperregionen geht, die nicht mehr da sind, in denen der Schmerz als objektiv geheilt gilt und "nur" subjektiv auftritt.

Subjektiver Schmerz

Die Betroffenen fühlen sich dann oft falsch verstanden oder verfallen in Trauer. Mitunter geben sie sich auch selbst die Schuld an dem Phänomen. Rohini Kuner beschreibt in ihrem Vortrag, warum diese Schlussfolgerung nicht stimmen kann. Sie erklärt, wie unsere Hirnareale reagieren und wie wenig Einfluss die Patienten darauf haben.

"Es gibt mehr als hundert Wörter, die Patienten benutzen, um ihren Schmerz zu beschreiben."
Rohini Kuner, Pharmakologin

In ihrem Vortrag über Schmerzen geht Rohini Kuner auch auf die medikamentöse Behandlung ein. Bei chronischem Leiden kann eine Therapie kompliziert sein. Opiate sind mitunter eine Option, die führt aber nicht immer zum gewünschten Erfolg und birgt auch Risiken. "In den USA sterben täglich 91 Menschen durch Überdosierung von Opiaten", berichtet die Pharmakologin.

Cannabis und Gedankenkraft

Was auch helfen kann: Cannabis – und die eigene Gedankenkraft. Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo führt Rohini Kuner in ihrem Vortrag als Musterbeispiel an, wie wir selbst besser mit Schmerz umgehen können – wenn er droht, zum Tyrannen zu werden.

Rohini Kuner
ist Direktorin des Pharmokologischen Instituts der Medizinischen Fakultät Heidelberg. Ein Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt darin, die molekularen Grundlagen von schweren Schmerzkrankheiten zu erforschen und so zur Entwicklung neuer Medikamente beizutragen. Erläutert hat sie den aktuellen Stand der Schmerzforschung am 24. September 2019 in ihrem Vortrag "Wenn ein Schutzengel zum Tyrannen wird" für die Daimler und Benz Stiftung in Stuttgart..