Die Arbeit auf einem Schiff ist hart: Wenig Platz, viel Lärm, kaum Erholung. Forschende haben im vergangenen Jahr schon herausgefunden, wie isoliert und einsam sich Seeleute an Bord fühlen. Die Coronavirus-Pandemie verstärkt das noch.

Die Regale in unseren Supermärkten sind gefüllt mit Lebensmitteln aus aller Welt. Viele von ihnen haben Seeleute per Schiff zu uns gebracht. Ihre Arbeit läuft auch während der Pandemie weiter.

An Bord festsitzen wegen Corona

Trotzdem beeinflusst die Corona-Pandemie den Alltag auf dem Schiff: Viele Seeleute sitzen wegen der Reisebeschränkungen an Bord fest. Bis zu 200.000 von ihnen können ihre Schiffe nicht verlassen und nach Hause fahren, obwohl ihre Dienste seit Wochen vorbei sind, so schätzt die Internationale Arbeitsorganisation ILO/IAO vor wenigen Wochen.

Auch heute sind Crew-Wechsel wegen der teils geschlossenen Grenzen noch immer schwierig, sagt Seefahrer Gregori. Er arbeitet als erster Offizier auf einem Handelsschiff und kam für seinen Dienst nur über einen Umweg aus seiner Heimat Russland nach Deutschland. Direktflüge hierher gebe es gerade keine. Für Gregori hieß das: Erst mit dem Auto von Russland nach Weißrussland fahren, dort in ein Flugzeug nach Berlin umsteigen.

Zwei Männer an Bord im Gespräch
© Deutschlandfunk Nova | Charlotte Horn
Der Hamburger Diakon Olaf Schröder an Bord im Gespräch mit dem russischen Offizier Gregori

Hohe Arbeitsbelastung ist Alltag

Die Coronavirus-Pandemie belastet die Seeleute also zusätzlich - obwohl ihre Arbeitsbelastung generell hoch ist: Wie sie ihre Arbeit auf Containerschiffen vor der Pandemie wahrgenommen haben, zeigt eine 2019 veröffentlichte Studie vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin Hamburg.

Einsamkeit, Schlafmangel und Stress

Für die "Hamburg Seafarer Study" haben die Forschenden mehr als 300 Seeleute auf 22 Containerschiffen fast 180 Tage lang bei ihrer Arbeit begleitet. Sie kommen zu dem Ergebnis: Fast die Hälfte der Besatzung leidet an Einsamkeit und fühlt sich sozial isoliert. Jeder Vierte erlebt regelmäßig traurige Episoden, die einer Depression nahekommen, erklärt Diplompsychologe Hans-Joachim Jensen. Er ist einer der Studienautoren.

"Wir haben herausgefunden, dass sich fast die Hälfte der Befragten – gerade die Nichteuropäer – über Isolation beklagen. Jeder vierte Seefahrer spricht über eine traurige Verstimmung, also über Depression."
Hans-Joachim Jensen, Diplompsychologe

Gründe hierfür sind unter anderem die Arbeit auf engem Raum und das Zusammenleben mit Crewmitgliedern, die unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben und andere Sprachen sprechen.

Zusätzliche sorgen eine fettreiche, fleischlastige Ernährung und wenig Schlaf für eine Belastung. Die Hälfte der Befragten litt laut den Studienautoren unter Schlafmangel. Das haben die Forschenden mithilfe von Augentests festgestellt. Außerdem konnten sie einen hohen Wert des Stresshormons Cortisol nachweisen.

Traumata und wenig psychologische Betreuung

Für Offizier Gregori ist das Schlafen an Bord allerdings kein Problem, sagt er. Er könne das auch trotz der lauten Motorengeräusche gut. Auch eine Depression habe er noch nicht erlebt, er kenne aber Kollegen, die traurige Stimmungen durchlaufen.

Sie können sich an die Seelsorge der Seemannsmission wenden. Ausreichend psychologisch betreut werden die Seeleute damit allerdings nicht, meint Diplompsychologe Hans-Joachim Jensen. "Wir haben in einer Untersuchung festgestellt, dass etwa ein Drittel der Seeleute schwere Unfälle an Bord erlebt haben und auf See posttraumatische Erlebnisse gehabt haben. 17 Prozent haben Piratenangriffe und Überfälle erlebt", sagt er.

Neben mehr psychologischer Unterstützung fordert Hans-Joachim Jensen, die Einsatzzeiten der Seeleute deutlich zu verkürzen. Dafür sieht er die Reedereien in der Verantwortung. Sie sollten die Arbeitssituation auf den Schiffen verbessern.