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Alleine oder mit anderen – möchten wir Sex, sind wir heute so wenig auf eine klassische Paarbeziehung angewiesen wie niemals zuvor. Die Zahl der Orgasmen ohne festen Partner scheint noch nie so hoch gewesen zu sein wie im Jahr 2021. Sex wird konsumiert. Ein Konsum, der unabhängig macht, aber auch Folgen haben kann, wie die Neurologin und Sexualtherapeutin Heike Melzer in ihrem Vortrag zeigt.

Sextoys, die mit multiplen Orgasmen werben und Pornos, auf die wir von überall rund um die Uhr zugreifen können: Sie bringen uns Lust und Befriedigung durch Masturbation – ganz ohne eine weitere Person. Dieser Trend nimmt bei Frauen und Männern gleich viel zu.

"Beschämt berichtete mir eine Studentin, dass sie im Internet flirte, um Lust zu bekommen. Dabei reibe sie ihren Unterleib kräftig am Tischbein bis zum Orgasmus. Reale Männerkontakte vermeide sie vollständig."
Heike Melzer, Neurologin

Vielmehr versprechen Pornos und Co. fast schon eine Orgasmusgarantie. Anders als Sextoys mit einer Frequenz von 50 bis 200 Hertz können Männer und Frauen ihre Partnerinnen rein biologisch nicht ansatzweise in solche Superstimuli versetzen.

Von Superstimuli und Megareizen

Biologisch gesehen sorgen diese scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten des Konsums besonders bei Männern für Megareize. In Heike Melzers Praxis berichten Männer von mehr als zehn Geliebten, die sie gleichzeitig neben ihrer Ehefrau haben.

Eine Ehefrau erzählte der Sexualtherapeutin vom Chatverlauf ihres Mannes, in dem ihn mehr als hundert Prostituierte nach dessen Bettqualitäten bewertet hätten. In der Szene hatte er es auf "Gold-Freier-Niveau" geschafft.

Wenn aus Sex Konsum und dann eine Sucht wird

Richtig kritisch werde es, wenn die Dosis – wie bei anderen Süchten auch – nicht mehr stimme. In Heike Melzers Praxis melden sich unzählige Patient*innen, die mit ihrer Sexsucht nicht mehr klar kommen. Den stetig steigenden Ansturm kann sie fast nicht mehr bewältigen, sagt sie. Die Neurologin und Sexualtherapeutin schätzt, dass in Zukunft deswegen enorme Kosten und Probleme auf uns zu kommen werden.

Eine besorgniserregende Entwicklung sieht sie bei Kindern, die im Schnitt mit elf Jahren damit beginnen, dauerhaft Pornos zu konsumieren. Die Hirnstrukturen, die sich bei ihnen in dieser Zeit ausbilden, geraten nach neuesten Erkenntnissen auf Irrwege. Auch andere Praxen als die von Heike Melzer berichten von unzähligen jungen Männern, die schon mit 18 Jahren wegen einer Erektionsstörung keinen partnerbezogenen Sex ausüben können. Ohne Partner – nur vor Pornos – sei die Erektion hingegen voll ausgeprägt.

Heike Melzer ist Sexualtherapeutin und auch Neurologin. Dabei befasst sie sich wissenschaftlich mit den Veränderungen unseres Gehirns – vor allem des Belohnungssystems – in den Fällen, in denen wir sexuell zu aktiv sind. Ihr Vortrag hat den Titel "Wie verändert die digitale Transformation unsere Sexualität und Partnerschaft?" Sie hat ihn extra für den Hörsaal konzipiert und aufgezeichnet. Mehr dazu berichtet die Therapeutin in ihrem Buch "Scharfstellung - Die neue sexuelle Revolution".