Schon von 1996 bis 2001 waren die Taliban in Afghanistan an der Macht. Dass sich ihre Herrschaft genau so wiederholen könnte, bezweifelt die Islamwissenschaftlerin Almut Wieland-Karimi. Denn es herrschten andere Grundvoraussetzungen als damals.

Wer verstehen möchte, wie die Taliban in Afghanistan an die Macht gekommen sind, sollte in den 70er und 80er-Jahren starten, sagt Almut Wieland-Karimi, Geschäftsführerin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze.

Die Zeit des Kalten Krieges in Afghanistan

Es war die Zeit des Kalten Kriegs zwischen der Sowjetunion und dem Westen, angeführt von den USA. Auch in Afghanistan machte sich dieser Konflikt in den 80er-Jahren bemerkbar. Hier wurde ein sogenannter Stellvertreterkrieg zwischen der Sowjetunion und dem Western ausgetragen.

1979 marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein und verbündeten sich mit der afghanischen Regierung und den kommunistischen Truppen in Afghanistan. Zusammen kämpften sie gegen die Mudschaheddin - islamische und islamistische Widerstandskämpfer - die wiederum vom Westen finanziell unterstützt wurden, so die Islamwissenschaftlerin.

Bürgerkrieg in den frühen 90er-Jahren

Am Ende des Kalten Krieges verlor die Sowjetunion den Kampf in Afghanistan und zog sich zurück. In der Folge brach in den 90er-Jahren ein Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Mudschaheddin-Gruppen aus. Dabei waren viele verschiedene Ausrichtungen vertreten - von moderat bis radikal-islamistisch, erklärt Almut Wieland-Karimi.

Taliban ging als starke Kraft aus Bürgerkrieg hervor

In dieser Gemengelage setzten sich allmählich die Taliban durch, die schließlich 1996 die Macht vom damaligen Präsidenten Burhanuddin Rabbaniz übernahmen. Ein Schritt, der zunächst auch von großen Teilen der Bevölkerungen begrüßt worden sei. Sie sehnten sich nach einer "starke Hand", die Ordnung und Sicherheit ins Land bringen sollte.

"Als die Taliban 1996 an die Macht kam, wurden sie auch von vielen Menschen begrüßt – einfach als eine starke Hand, die Ordnung bringen konnte."
Almut Wieland-Karimi, Geschäftsführerin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze

Der Wunsch nach Ordnung entpuppte sich dann allerdings als ein Sammelsurium zahlreicher Verbote. Und wer sich nicht daran hielt, wurde drakonisch bestraft, erklärt die Islamwissenschaftlerin. So durfte zum Beispiel das Neujahrsfest nicht mehr gefeiert werden und Musik wurde verboten. Auch die Rechte der Frauen schränkten die Taliban extrem ein: Sie durften keine Schulen und keine Universitäten mehr besuchen und nicht mehr arbeiten. Zudem führten die Machthaber das fünfmalige Beten pro Tag als Pflicht ein. Wer sich nicht daran hielt, wurde sehr hart bestraft.

"Das Neujahrsfest durfte nicht mehr gefeiert werden, es gab keine Musik mehr, die Mädchen durften keine Schulen, Universitäten mehr besuchen, die Frauen durften nicht mehr arbeiten."
Almut Wieland-Karimi, Geschäftsführerin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze

Almut Wieland-Karimi sind besonders dramatisch Bilder in Erinnerung, die Frauen in Fußballstadien zeigten, die gesteinigt wurden. Dabei soll es sich um vermeintliche Ehebrecherinnen gehandelt haben.

1996 herrschten in Afghanistan andere Grundvoraussetzungen als heute

Wie sich eine mögliche künftige Taliban-Herrschaft auf das alltägliche Leben der Menschen auswirken könnte, sei schwer abzuschätzen, so Almut Wieland-Karimi. Ihrer Meinung nach gibt es im Vergleich mit der Situation in den 90er-Jahren zwei entscheidende Unterschiede:

Zum einen übernahmen die Taliban 1996 die Macht nach einem Bürgerkrieg, in dem über eine Million Menschen getötet wurden und eine "starke Hand" sehr willkommen gewesen sei. Heute würden die Taliban die Macht nach 20 Jahren übernehmen, in denen demokratische und liberale Strukturen zu erkennen gewesen seien. Eine Zeit, in der viele Errungenschaften in Afghanistan erzielt wurden: zum Beispiel die Partizipation von Frauen, mehr Kinder, die zur Schule gingen oder eine Verbesserung des Gesundheitssystems.

"Die Taliban übernehmen jetzt die Macht nach 20 Jahren einer doch relativ demokratischen, liberalen Periode mit vielen Errungenschaften in Afghanistan. Also Errungenschaften aus einer westlichen Perspektive."
Almut Wieland-Karimi, Geschäftsführerin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze

Außerdem spielten 1996 die Sozialen Netzwerke noch keinerlei Rolle. Heute finde dagegen viel politisches Geschehen auch im virtuellen Raum statt, sagt Almut Wieland-Karimi. Und dabei sei nur schwer zu unterscheiden, welche Informationen echt und welche falsch sind. Im Gegensatz zur letzten afghanischen Regierung seien die Taliban echte Social-Media-Profis, so die Islamwissenschaftlerin.

"Die Taliban sind echte Social-Media-Profis. Besser als es die afghanische Regierung je war."
Almut Wieland-Karimi, Geschäftsführerin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze

Gegensätzliche Darstellungen

Viele Berichte von Menschen vor Ort erzählten davon, dass die Taliban erst mal Ruhe schaffen wollen. Den Menschen werde signalisiert, ihren Alltag ganz normal fortzuführen, Frauen dürften angeblich weiter ihrer Arbeit nachgehen, berichtet Almut Wieland-Karimi.

Andere - seltenere - Berichte schildern dagegen schon die ersten Strafmaßnahmen: Frauen dürften beispielsweise nicht mehr zur Arbeit gehen, im Fernsehen würden die klassischen indischen Bollywood-Serien nicht mehr ausgestrahlt. Auch Musik sei bereits eingeschränkt. Frauen als Journalistinnen oder Nachrichtensprecherinnen im Fernsehen seien bereits verbannt, so Almut Wieland-Karimi.

Rein männliche konservative Gruppierung

Taliban – das bedeutet übrigens übersetzt Religionsstudenten. Die rein männliche Gruppe zieht ihre Anhänger in Koranschulen, den sogenannten Madrassen, in den Grenzgebieten zwischen Afghanistan und Pakistan hoch. Dort müssen die Jungen den Koran auswendig lernen und bekommen gesagt, welche Interpretation der islamischen Quellen die einzig richtigen sind. Oft handelt es sich dabei um Waisenkinder, die sonst keinerlei Möglichkeit auf eine Ausbildung haben.

Unser Aufmacherbild zeigt einen von Taliban kontrollierten Stadtteil von Kabul im Jahr 2001.