Seit 100 Tagen läuft die Corona-Warn-App – auf rund 18 Millionen neueren Smartphones. Die App hat Potential, bräuchte aber mehr echte Fans. Unsere Reporterin gehört nicht dazu.

Die Corona-Warn-App wird 100 Tage alt. Sie ist seit der Veröffentlichung am 16.06.2020 auf rund 18 Millionen Geräten installiert worden. Herausgegeben hat sie das Robert Koch-Institut. An der Entwicklung sind die beiden Konzerne Telekom und SAP beteiligt. Die Telekom AG organisiert den laufenden, recht kostspieligen Support. Die Entwickler planen, Krankheitssymptome häufiger als bisher mittels der App abzufragen.

Auch soll die Software in weiteren europäischen Ländern eingesetzt werden können. Smartphones mit älteren Betriebssystemen als Android 6 und iOS 13.7. werden auch in Zukunft die App nicht aufspielen können. Aber die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer bestimmt über die Zuverlässigkeit der App.

"In Umfragen zeigt sich, dass etwa die Hälfte der Leute, die die App heruntergeladen haben, selbst zwar gern gewarnt werden will, aber nicht vorhat, andere über die App zu warnen."
Verena von Keitz, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Selbst bei den 18 Millionen Nutzerinnen und Nutzern kann nur ein kleiner Teil der Kontakte nachverfolgt werden. Das hat Gerd Wagner errechnet. Er ist Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen beim Bundesjustizministerium.

App erfasst sechs Prozent der Fälle

Wenn 25 Prozent der Erwachsenen in Deutschland die App aktiv benutzen, können potenziell 25 Prozent der Infizierten der App mitteilen, dass sie positiv sind. Von denen hat wiederum nur ein Viertel die App und wird informiert. Die restlichen drei Viertel haben die App nicht und erhalten die Information über einen Risikokontakt nicht. Gerd Wagner rechnet aus: Um 50 Prozent der Fälle zu erfassen, müssten mehr als 70 Prozent der Erwachsenen die Corona-Warn-App verwenden.

Abseits dieser Berechnungen ist die Corona-Warn-App bislang als Tool gegen die Coronavirus-Pandemie nicht so bedeutend, wie es sich viele versprochen hatten.

Arzt: App liefert keine Beratungsgrundlage

Amtsarzt Patrick Larscheid findet, dass die App Betroffene nur unzulänglich informiere und Medizinerinnen und Medizinern die Beratung erschwere.

"Das Hauptproblem an der App ist, dass sie so viel anonymisiertes verquastes Zeug liefert, dass am Ende keiner mehr weiß: Was ist denn überhaupt passiert? "
Patrick Larscheid, Amtsarzt, Gesundheitsamt Berlin-Reinickendorf

Dafür ist dem ist Leiter des Gesundheitsamtes Berlin-Reinickendorf die reine Risikoeinstufung – beispielsweise geringes Risiko – und der Hinweis auf Kontakt mit jemanden, der infektiös war, zu wenig detailliert. Patrick Larscheid vermisst Datierungsinformationen. Daraus könnten die Nutzerinnen und Nutzer dann auf den Ort schließen. Für eine Nachverfolgung der Infektionskette wäre die Corona-Warn-App nutzlos.

"Sie kriegen von ihrer App nicht die Uhrzeit geliefert, wissen nicht, war das abends oder morgens? Das sind die entscheidenden Puzzlestücke, die zu einer Verfolgung eines Kontaktes nötig wären."
Patrick Larscheid, Amtsarzt, Gesundheitsamt Berlin-Reinickendorf

Für den Mediziner ist die App also in Summe ein schlechter Kompromiss. Umgekehrt lasse sich die strenge Umsetzung von Datenschutzvorgaben auch positiv bewertet, findet Verena. An der mittelmäßigen Gesamtnote für die Corona-Warn-App ändert das aber nichts, meint sie.

"Die App kann wegen des Datenschutzes, technischer Probleme und menschlichen Verhaltens, die Erwartungen nicht erfüllen, die mal an sie gestellt wurden."
Verena von Keitz, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin