Ameisen stehen für Kooperation: Sie arbeiten zusammen, helfen sich, opfern sich sogar füreinander auf. Also alles harmonisch? Nicht ganz. Auch Insekten haben Konflikte. Wie sie entstehen und gelöst werden, erklärt der Biologe Jürgen Heinze.
Bei den Ameisen ist die Welt noch in Ordnung: Die Königin legt die Eier, die Männchen befruchten sie, die Arbeiterinnen wiederum kümmern sich selbstlos und fleißig um den Rest. Sie ziehen die Brut auf, bauen Nester sowie Straßen, beschaffen Nahrung und verteidigen den Staat.
"Ameisen sind Paradebeispiele für Kooperation und Sozialität."
Diese Kooperation und Arbeitsteilung sind ein beeindruckendes Erfolgsmodell.
Superorganismus Insektenstaat: super erfolgreich
Ameisen gibt es vermutlich schon seit weit mehr als 100 Millionen Jahren. Zum Vergleich: Der moderne Mensch, Homo sapiens, entstand wohl erst vor rund 300.000 Jahren.
Doch diese Form des Zusammenlebens hat auch ihren Preis: Die einzelnen Tiere verlieren die Möglichkeit zur eigenen Fortpflanzung. Trotzdem lohnt sich der Superorganismus für sie, erklärt der Biologe Jürgen Heinze.
"Der vermeintliche Altruismus des Individuums ist tatsächlich der Egoismus der eigenen Gene."
Denn soziale Insekten sind als Gruppe deutlich leistungsfähiger als dieselbe Zahl einzeln lebender Tiere, sagt Heinze. Hinzu kommt: Die Mitglieder sind eng miteinander verwandt. So rechnet sich die scheinbar selbstlose Lebensweise am Ende auch genetisch.
Wie genau das funktioniert, erklärt der Biologe in seinem Vortrag. Und auch, welche Konflikte im Ameisenstaat herrschen.
"Konflikt ist quasi als Kehrseite der Kooperation unumgänglich."
Denn so geordnet und harmonisch, wie es auf den ersten Blick scheint, ist das Leben im Ameisenstaat nicht. Insektenstaaten sind schließlich auch Familienverbände – und in allen Familien gibt es bekanntlich auch Streit. Bei Ameisen kann der sogar ziemlich heftig sein.
Konflikte kosten Energie
Einzelne Ameisen versuchen dann, ihre eigenen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen. Es kommt zu Manipulationen, Verletzungen und sogar Tötungen.
"Wir finden Antennengefechte; Individuen ziehen gegenseitig an Antennen und Beinen. Wir finden Beißereien, sie applizieren Sekrete und sie stechen", beschreibt der Biologe das Repertoire der innerfamiliären Auseinandersetzungen.
"Hamiltons Theorie der Verwandtenselektion erklärt auch das Auftreten von disruptiven Interessenkonflikten."
Kooperation, aber auch Konflikt lassen sich durch die Theorie der Verwandtenselektion erklären, die der britische Evolutionsbiologe William D. Hamilton entwickelt hat.
In seinem Vortrag erklärt Jürgen Heinze, warum Insekten überhaupt kooperieren, welche Konflikte in Ameisenstaaten auftreten und wie sie gelöst werden – zum Beispiel mit einer Art Polizei.
Jürgen Heinze war bis 2024 Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Regensburg, wo er bis heute forscht. Seit vielen Jahren arbeitet er zu Ameisen, insbesondere zur Evolution alternativer Lebensweisen und Fortpflanzungstaktiken bei sozialen Insekten.
Seinen Vortrag "Zwischen Superorganismus und Polizeistaat: Konflikte und Konfliktlösung in den Staaten sozialer Insekten" hielt er am 2. Februar 2026 im Rahmen der Vortragsreihe vhs.wissen live, einer Gemeinschaftsinitiative von über 200 Volkshochschulen.
- Vortragsbeginn
- Inhalt des Vortrags
- "Major Transitions" in der Evolution
- Die Entstehung von Tierstaaten
- Altruismus als Problem für Darwins Evolutionstheorie
- Wie entsteht Kooperation zwischen egoistischen Einheiten?
- Konflikte in Insektenstaaten
- Agressionen bei Ameisenmännchen - Beispiel Cardiocondyla
- Verwandschaft und trotzdem Konflikt - Wie erklärt sich das?
- Zusammenfassung
