Jemand telefoniert im Ruheabteil der Bahn laut mit seinem Handy. Ist Beschweren spießig? Nein, sagt Philosoph Matthias Burchardt - es ist nur das Einfordern, Regeln einzuhalten. Der Vorwurf, spießig zu sein, sei vielmehr das Kaschieren der eigenen Unsensibilität.

Der Begriff des Spießers ist schwer zu fassen. Jeder hat schließlich seine eigene Vorstellung davon. Vielleicht helfen klassische Situationen weiter, in denen man intuitiv "du Spießer!" rufen würde:

  • Jemand feiert eine Party, die Nachbarin beschwert sich. Du Spießer!
  • In einer WG hat Person A Tiefkühlpizzen gebunkert. Person B bedient sich daran ohne zu fragen. Person A will das nicht. Du Spießer!
  • Am Samstagabend bleibt man lieber auf der Couch liegen und guckt einen Film, statt feiern zu gehen. Man sagt zu sich selbst: Du Spießer!

Doch ist das alles spießig? Philosoph Matthias Burchardt von der Universität Köln sagt: Wenn eine Regel besteht und jemand auf das Einhalten dieser Regel besteht, dann ist das nicht spießig. Ganz im Gegenteil: Wer "Spießer" ruft, der kaschiert oftmals nur die eigene Unsensibilität, also das eigene Nicht-Einhalten von Regeln.

Auch am Filmabend am Samstagabend findet Matthias Burchardt nichts spießiges. Das Gefühl, rausgehen zu müssen, entstehe schließlich durch gesellschaftliche Konventionen, aktiv zu sein. Und das Einhalten von Konventionen würde wiederum von solchen, die es mit Regeln nicht so genau nehmen, richtig, als spießig bezeichnet.

Spießern die Lebensfreude zurückgeben

Aber natürlich gibt es die echten Spießer, die jede Regel auf Einhaltung hin überprüfen, die eigene Regeln aufstellen, auch solche, die nur von den Spießern selbst als sinnvoll erachtet werden. "Spießer betrügen sich um ihr eigenes Leben, in dem sie ständig Gefahren imaginieren", sagt Burchardt. Wie geht man mit diesen am besten um?

Matthias Burchardt regt den Versuch an, sie zu einem freudigen Ereignis einzuladen. Wenn der Kinderwagen der Störenfried ist - einfach mal den Spießer mit dem lachenden Kind zusammenbringen.