Wenn es einen Ort gibt, an dem gutes Hochdeutsch gesprochen wird, dann ist das Hannover - oder? Zumindest hält sich dieser Mythos bis heute aufrecht. Ein Team von Forschenden hat herausgefunden, woher diese weitverbreitete Annahme stammt.

24 Prozent aller Deutschen glauben laut einer Umfrage der Leibniz-Universität in Hannover, dass das beste Hochdeutsch im Raum Hannover gesprochen wird. Auf Platz zwei landet mit 14 Prozent das Bundesland Niedersachsen. Nordrhein-Westfalen belegt mit nur noch sechs Prozent Platz drei. Dass Hannover und Hochdeutsch zusammen gehören, ist also eine weitverbreitete Ansicht, ein sozusagen "realer Mythos", sagt François Conrad, Sprachwissenschaftler am Deutschen Seminar der Leibniz-Universität. Er leitet das Forschungsprojekt "Stadtsprache Hannovers" in dessen Rahmen die Umfrage durchgeführt wurde.

Von der Pike auf gelernt

Historisch gesehen gibt es für diese Annahme zwei Gründe. Im norddeutschen Raum wurde früher Niederdeutsch gesprochen, das sich sehr stark vom heutigen Hochdeutsch unterscheidet. Als sich dort das Hochdeutsche in der Schrift durchgesetzt hatte, haben die Menschen aus diesem Raum Hochdeutsch wie eine Fremdsprache erlernen müssen und haben sich dabei sehr an der Schriftsprache orientiert.

"Im ganzen norddeutschen Raum haben die Leute dieses Hochdeutsch, was sich in der Schrift dann durchgesetzt hat, als Fremdsprache erworben und deswegen diese Sprache besonders schriftnah gelernt."
François Conrad, Sprachwissenschaftler

Ein weiterer Grund: Vor 200 Jahren wohnte der König in Hannover. Deswegen konnte sich Hannover gegenüber anderen Städten aus der gleichen Region wie beispielsweise Braunschweig oder Göttingen mit dem Ruf des besten Hochdeutsch durchsetzen. Vermutlich wurde in den anderen Städten aber ein genauso reines Deutsch gesprochen wie in Hannover.

Reines Hochdeutsch gibt es nicht

François Conrad und sein Team wollen nun in einem weiteren Schritt untersuchen, wie viel an dem Mythos wirklich dran ist. Deshalb planen sie Sprachaufnahmen von 150 Personen aus Hannover auf ihre Aussprache hin zu analysieren. François Conrad ist allerdings jetzt schon davon überzeugt, dass sich auch bei den Hannoveranerinnen und Hannoveranern ein Lokalkolorit eingeschlichen hat. Zwei Beispiele: Anstatt Zug sagen viele "Zuch", Käse wird oft wie "Keese" ausgesprochen.

"Wir gehen davon aus, dass auch Hannoveranerinnen und Hannoveraner kein reines Hochdeutsch sprechen – weil es das eben nicht gibt."
François Conrad, Sprachwissenschaftler

Dennoch vermuten die Forschenden, dass die Menschen in Hannover im Vergleich zu Menschen aus Bayern oder dem Ruhrgebiet näher an der hochdeutschen Standardaussprache dran sind.