Abgelehntes Manuskript

Stellungnahme der Redaktion

Deutschlandradio weist den in einem Beitrag der Jüdischen Allgemeinen vom 2. März 2017 erhobenen Vorwurf nach Zensur eines Beitrags der Autorin Pola Sarah Nathusius entschieden zurück.

Anders als dort suggeriert, wurde der fragliche Beitrag nicht aus inhaltlichen, sondern aus handwerklichen Gründen von der Redaktion abgelehnt. Trotz eines intensiven Austauschs der betreuenden Redakteurin mit Frau Nathusius konnten die journalistischen Bedenken nicht ausgeräumt werden. Es ist weder korrekt, dass das Beitragsmanuskript als zu wenig kritisch gegenüber Israel bemängelt wurde, noch wurden von der Redaktion O-Töne korrigiert oder antisemitische, antiisraelische und antizionistische Formulierungen in den Mund gelegt. 

Mittlerweile hat sich auch Dr. Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios, zum Sachverhalt in einem Leserbrief geäußert, den die "Jüdische Allgemeine" am 16.03.2017 veröffentlicht hat. Hier der Leserbrief im Wortlaut:

"Zahal, Dschihad und anderes", unter diesem Titel erschien am 2.3.2017 ein Artikel in der "Jüdischen Allgemeinen". Darin wird behauptet, Deutschlandradio habe den Beitrag einer Autorin zu senden abgelehnt, weil er "Israel zu unkritisch" begegne. Der Artikel führt eine Reihe angeblicher Geschehnisse an, die diesen Vorwurf belegen sollen. Er gipfelt in der zitierten Behauptung der Autorin, man habe ihr Formulierungen in den Mund legen wollen, die "antiisraelisch, antizionistisch und antisemitisch" seien. 

Ich habe unmittelbar darauf eine detaillierte interne Prüfung der Vorwürfe angeordnet. Denn hätten sich die erhobenen Vorwürfe tatsächlich auch nur in Ansätzen als begründet herausgestellt, wäre dies für Deutschlandradio ein wirklich Besorgnis erregender Vorgang gewesen. 

Folgendes sind nach Prüfung die Fakten: Die im Artikel genannte Autorin Pola Sarah Nathusius, seit Anfang des Jahres Volontärin beim Hessischen Rundfunk (HR), hat DRadio Wissen Ende vergangenen Jahres das Porträt zweier junger, nach Israel emigrierter Russinnen als Thema angeboten. Interessant erschien der Redaktion im Übrigen der Ansatz, dass darin der Militärdienst der beiden reflektiert werden sollte. 

Es ist übliche Arbeitsweise, dass der Sendungsentwurf von einem Redakteur geprüft wird. Der erste Entwurf wurde von zunächst einem Kollegen als rein handwerklich nicht zufriedenstellend beurteilt. Er zog einen zweiten Kollegen zu Rate, und es begannen die - wie man mir sagt -"nicht sonderlich konstruktiven Gespräche" mit der Autorin. Danach legten beide Redakteure das Manuskript noch einer weiteren, vorgesetzten Kollegin vor. 

Es waren also drei Redakteure mit dem Manuskript befasst. Alle drei Redakteure waren darin einig, dass das Manuskript nicht die für eine Ausstrahlung nötige journalistische Qualität für die anzusprechende junge Zielgruppe von DRadio Wissen erreichte. Weshalb? Ein junges deutsches Publikum ist wohl nicht mehr so selbstverständlich - ganz anders als etwa viele meiner Generation - mit der Tatsache vertraut, dass ein wehrhaftes Israel für alle Juden in dieser Welt einen Schutzraum darstellt, ja einen Sehnsuchtsort. Ein junges deutsches Publikum ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der die Notwendigkeit einer militärisch wehrhaften Demokratie vielleicht sogar eher bezweifelt wird. 

Mir liegen die schriftlichen Anmerkungen der Redaktion zu dem Manuskript vor. Sie zielen sämtlich auf eine bessere Darstellung der diesbezüglich subjektiven Haltung der porträtierten Frauen zum Zwecke des besseren Verständnisses. Der ungewöhnlich hohe Aufwand in der Redaktion des Manuskripts ist für mich übrigens ein Beleg dafür, dass man der Autorin und dem Thema eine besondere und zwar positive Aufmerksamkeit entgegengebracht hat. Es kam jedoch zu keiner Einigung mit der Autorin, deshalb wurde das Manuskript abgelehnt.  

Mir liegt der E-Mail-Verkehr zwischen einem der Redakteure und der Autorin vor. Dessen sehr kollegialer, ja sogar freundschaftlicher Ton zeigt mir, dass man hier einer handwerklich aus Sicht der Redaktion womöglich noch nicht so erfahrenen Kollegin sehr wohlwollend eine Brücke zur Verbesserung ihres Beitrages bauen wollte und zwar ohne irgendeinen manipulativen Eingriff in die inhaltliche Aussage. Sie hat diese Brücke nicht betreten wollen. Ein Manuskript zu redigieren ist übrigens die originäre Aufgabe eines Redakteurs, ganz unabhängig von der Seniorität der jeweiligen Autoren. 

Alle im Deutschlandradio Beteiligten - mir liegen hierzu die schriftlichen und u. U.
auch eidesstattlich einzubringenden Erklärungen vor - versichern, dass die von Frau Nathusius in der "Jüdischen Allgemeinen" zitierten "antiisraelischen, antizionistischen und antisemitischen" Aussagen in keinem der Gespräche gefallen sind. Ebenso versichern die in meinem Haus Beteiligten, dass sie keinerlei Worte in die O-Töne, also die Aufnahmen der porträtierten beiden jungen Frauen, "hineingeschrieben" haben. Auch dies wird ja in dem Artikel behauptet. 

Die juristische Prüfung des Vorganges hat ergeben, dass Deutschlandradio bei einem gerichtlichen Antrag auf einstweilige Verfügung gute Aussichten auf Erfolg hätte. Die betroffenen Kollegen fühlen sich diffamiert. Dass der Mitarbeiter der "Jüdischen Allgemeinen" vor dem Schreiben seines Artikels "die andere Seite" nicht ausreichend gehört hat, kommt erschwerend hinzu. Seine Versuche, bei der Redaktion zu recherchieren, waren nicht gerade intensiv. Er hat sich per E-Mail vorgestellt als "Daniel Killy, Texte, Konzepte, Beratung, Kommunikation". Er hat auch auf Nachfrage sein journalistisches Interesse keineswegs begründet, dafür aber auf eine Funktion als Präsidiumsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft verwiesen.  Den mir empfohlenen Gang zum Gericht habe ich jedoch ausgeschlossen. Denn er würde nur denen Auftrieb geben, die tatsächlich "antiisraelische, antizionistische und antisemitische" Intentionen verfolgen. 

Hier traf - so stellt es sich mir nach akribischer Prüfung dar - eine junge Kollegin von ausgeprägtem Selbstbewusstsein auf eine Redaktion, die ihrer originären Aufgabe nachging. Gegenseitige Missverständnisse selbstverständlich nicht ausgeschlossen. Aber mir fehlt jedes Verständnis dafür, daraus diese massiven Vorwürfe zu formulieren. Bedauerlicherweise sind sie erhoben, und es ist ebenso bedauerlich, dass sie auch durch meinen Leserbrief nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind.

Dr. Willi Steul, Intendant Deutschlandradio